Die Umsetzung der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) in Galvanikunternehmen

Oberflächen 09. 12. 2019

– Treiber und Hemmnisse
aus sozialwissenschaftlicher Sicht

Von Werner König, REZ Hochschule Reutlingen

Die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) in kleinen und mittleren Unternehmen der Galvanotechnik stellt ein erklärtes Ziel des Landes Baden-Württemberg und des Forschungsprojekts GalvanoFlex_BW dar. Als komplexe Energie­effizienzmaßnahme stellt die Kraft-Wärme-Kopplung erhöhte Anforderungen an die Unternehmen und das professionelle Umfeld (Beratung, Service, Handwerk, Contracting). Hemmnisse zur Umsetzung der Technologie finden sich daher sowohl innerhalb der Unternehmen als auch außerhalb. Die Hemmnisse bei der Umsetzung der Kraft-Wärme-Kopplung in der Galvanotechnik sind auf unterschiedliche Ursachen zurückzuführen, wie hohe Komplexität der KWK-Technologie, schwierige Bewertung des Gesamtnutzens im Unternehmen, mangelnde personelle Ausstattung oder auch fehlende Unternehmer­entscheidungen. Empfehlungen der Forschungspartner zu deren Überwindung können aus den Ergebnisses der sozial-wissenschaftlichen Begleitforschung gewonnen werden.

1 Einleitung

Die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) ist eine Schlüsseltechnologie, um die ­industriellen Treibhausgasemissionen zu senken und für ein nachhaltiges Energiesystem der Zukunft zu sorgen. Dem Ausbau der Technologie kommt daher insbesondere in Baden-Württemberg große Bedeutung zu [1]. Die Galvanotechnik lässt sich als ein idealer Anwendungsfall für den flexiblen Einsatz der Kraft-Wärme-Kopplung bezeichnen. ­Betriebe der Galvanotechnik zählen in der Regel zu den Unternehmen mit überdurchschnittlich hohen Energiekosten und sind – je nach verwendeten Verfahren – auf die kombinierte Versorgung mit Prozesswärme und elektrischem Strom angewiesen.

Angesichts steigender Energiepreise, zunehmender Nachhaltigkeitsdebatten, Diskus­sionen über zukünftige CO2-Bepreisung und dem Einsparpotential der Technologie [2, 3], erscheint der Einsatz der Kraft-­Wärme-Kopplung in der Galvanotechnik bei distanzierter Betrachtung als Selbstläufer. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass profitable und theoretisch mögliche Energieeffizienzmaßnahmen von Unternehmen häufig nicht aufgegriffen werden [4] – eine betriebswirtschaftliche Merkwürdigkeit, für die sich in der Forschung der Begriff des energy efficiency-paradox [4] etabliert hat.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich das vom Umweltministerium Baden-Württemberg geförderte Projekt GalvanoFlex_BW [15, 6] neben Fragen der technischen und wirtschaftlichen Implementierung der residuallast-angepassten Kraft-Wärme-Kopplung auch mit sozialen Aspekten bei der Umsetzung. Die sozialwissenschaftliche Begleitforschung im Rahmen des Projekts widmete sich daher insbesondere der Identifikation von Hemmnissen für den Einsatz der Kraft-Wärme-Kopplung in den teilnehmenden Partnerunternehmen. Dabei sollte festgestellt werden, welche Hemmnisse fallspezifisch (fakultativ) auftreten können, und welche sich als systematisch festhalten lassen. Im Rahmen eines Workshops von den Projektpartnern Anfang November wurde über jene systematischen Hemmnisse und mögliche Lösungen diskutiert (Abb. 1).

Abb. 1: Workshop der Forschungspartner im Projekt GalvanoFlex_BW an der Hochschule Reutlingen

 

2 Hemmende und treibende ­Aspekte der KWK-Umsetzung

Bevor im Folgenden die einzelnen identifizierten Hemmnisse näher erläutert werden, sollen zu einem besseren Verständnis die wesentlichen festgehaltenen Eckpunkte zur Natur der Entscheidung für die Kraft-Wärme-Kopplung vorausgeschickt werden. Die Kraft-Wärme-Kopplung stellt zweifellos das Gegenteil einer niederschwelligen Energieeffizienzmaßnahme dar. Gerade im Kontext der Galvanotechnik handelt es sich um eine Maßnahme hoher Komplexität. Es ist durchaus angebracht von einem System KWK zu sprechen – insbesondere vor der Perspektive der flexiblen Anpassung an die fluk­tuierende Stromerzeugung im Rahmen der Energiewende und der Ausschöpfung weiterer Einsparpotentiale durch die Integration mit weiteren Erzeugungsanlagen (z. B. Photovoltaik). Die Entscheidung für den Einsatz der Kraft-Wärme-Kopplung ist mithin reich an Voraussetzungen und Konsequenzen, von unterschiedlichen Faktoren abhängig (multi­faktoriell) und – unter den gegebenen institutionellen Randbedingungen – von außen unterstützbar, aber kaum direkt steuerbar oder gar zu erzwingen.

Im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Begleitforschung wurde eine Reihe von Aspekten identifiziert, die eine Entscheidung für die Kraft-Wärme-Kopplung in den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) der Galvanik hemmend oder treibend beeinflussen. Wie in Abbildung 2 ersichtlich, wurden diese Aspekte in sieben Kategorien unterteilt. Die Darstellung der Barrieren konzentriert sich im Folgenden auf die verallgemeinerbaren internen und externen Aspekte. Dies bedeutet jedoch keine Geringschätzung der fallspezifischen Faktoren. Im Gegenteil müssen fallspezifische Faktoren als größtes Hemmnis der Auseinandersetzung mit der Kraft-Wärme-Kopplung in den Unternehmen betrachtet werden. Verkürzt ausgedrückt lässt sich der überwiegende Teil dieser Faktoren unter den Schlagworten andere Prioritäten/keine Zeit zusammenfassen. Zugleich lassen sich diese Faktoren von außen kaum direkt beeinflussen.

Abb. 2: Darstellung der identifizierten Hemmnisse im Projekt GalvanoFlex_BW

 

2.1 Soziotechnik

2.1.1 Aufwand und Ressourcenbindung

Als komplexe ­Energieeffizienzmaßnahme erfordert die Kraft-Wärme-Kopplung einen hohen personalen und organisatorischen Aufwand. Ein typischerweise langer Planungs- und Umsetzungsprozess bindet häufig kritisches Personal. Ein Vorhaben wie die Implementierung der Kraft-Wärme-Kopplung steht in diesem Kontext im internen Wettbewerb mit anderen betrieblichen Vorhaben. Insbesondere KMU verfügen nicht über die personalen Ressourcen, um mehrere Projekte parallel stemmen zu können. Dazu kommt, dass kleine Galvanikbetriebe als Dienstleister beziehungsweise Lohnbeschichter häufig bereits mit dem Tagesgeschäft hinreichend ausgelastet sind. Die Nutzung von Contracting-Angeboten (z. B. Energiespar- oder Energieliefer-Contracting) stellt sich dagegen aus der Sicht der Forschungspartner als wesentlicher Ausweg der Ressourcenproblematik dar. Jedoch werden auch bei umfassender Externalisierung interne Ressourcen benötigt (z. B. für Datenbereitstellung, Koordinierung).

2.1.2 Multifunktion und -nutzen

Gleichwohl der wirtschaftliche Nutzen der Kraft-Wärme-Kopplung aus Sicht der Unternehmen verständlicherweise das ­wichtigste Kriterium ist, sind es auch weitere Funktionen, welche die Technologie für das Unternehmen erfüllen kann. Aus technisch-wirtschaftlicher Sicht bietet der Einsatz der Kraft-Wärme-Kopplung die Möglichkeit der Optimierung des Lastmanagements oder die Anbindung an weitere Erzeugungssysteme. Im Einzelfall kann die Risikominimierung mittels Kraft-Wärme-Kopplung (Notstrom, ­Gewährleistung Netzstabilität) von besonderem Interesse sein.

Aus organisatorisch-strategischer Sicht bietet die Technologie weiteren potentiellen Nutzen für ein Unternehmen der Galvanotechnik, die als eine der energieintensiven Branchen der zunehmenden ökologischen Erwartung der Gesellschaft ausgesetzt ist. Die Kraft-Wärme-Kopplung bietet die Möglichkeit, den CO2-Fußabdruck eines Unternehmens wesentlich zu senken und zugleich einer zukünftigen Bepreisung einer Kohlenstoffdioxidemission aktiv zu begegnen. Daneben kann eine positive ökologische ­Außendarstellung anhand der eingesparten Energieträger im Zuge des Einsatzes der Kraft-Wärme-Kopplung besonders plastisch vorgenommen werden. Seitens der Projektpartner wird jedoch davon ausgegangen, dass die Nutzungsmöglichkeiten des Einsatzes der Technologie häufig nicht bekannt sind. Zugleich wird jedoch davon ausgegangen, dass ein über die Wirtschaftlichkeit hinausgehender Nutzen zumeist nur einzelfallspezifisch betrachtet werden kann.

2.1.3 Transparenz der ­Produktions- und Energieprozesse

Eine hinreichende Erfassung der Produktions- und Energieprozesse sowie deren Interpretation sind eine Notwendigkeit zur Entscheidungsanbahnung und -findung zu Gunsten der Kraft-Wärme-Kopplung. Zugleich zeigt sich die Energie- und Prozess­datenerfassung als Herausforderung für kleine und mittlere Unternehmen. Insbesondere der flexible Betrieb der Kraft-Wärme-Kopplung setzt Unternehmen als Energiedatenerfassungsbetriebe voraus.

Die hinreichende Digitalisierung der Produk­tionsprozesse stellt sich mithin als Notwendigkeit zur Integration und Optimierung der Kraft-Wärme-Kopplung dar. Aufwand und Möglichkeiten der Digitalisierungsmaßnahmen werden jedoch von der jeweiligen materiellen und technischen Ausstattung in den einzelnen Unternehmen ­bestimmt. Unabhängig davon herrscht unter den Projektpartnern Konsens, dass die institutionelle Förderung der Digitalisierung in industriellen Unternehmen die technisch-organisatorischen Randbedingungen für den Einsatz komplexer Energieeffizienzmaßnahmen wie die Kraft-Wärme-Kopplung indirekt verbessern hilft und verstärkt werden sollte.

2.2 Wirtschaftlichkeit und ­Finanzierung

2.2.1 Identifikation der Einsparpotentiale

Die mangelnde Identifikation von Einsparpotentialen in kleinen und mittleren Unternehmen wird in empirischen Studien häufig als wesentliches Hemmnis der Adoption energieeffizienter Technologie betrachtet [7]. Die Identifikation der Einsparpotentiale mittels Kraft-Wärme-Kopplung bezeichnet grundsätzlich zwei Seiten einer Medaille. Zum einen müssen hinreichende Produktions- und Prozessdaten vorliegen, die eine Einschätzung ermöglichen. Zum anderen müssen Funktion und Nutzen der Kraft-Wärme-Kopplung ausreichend bekannt sein, um deren Effekte einschätzen zu können. Im Zusammenhang mit den oben genannten Aspekten ergibt sich ein problematischer Zirkel: Eine mangelnde Transparenz der Produktions- und Energieprozesse und ein mangelndes Verständnis der KWK-Technologie erschweren die Identifikation von Einsparpotentialen, die wiederum die Basis für die Entscheidung über Maßnahmen sein sollte. Diesem Hemmnis kann aus Sicht der Projektpartner nur durch eine aktive Bewerbung über den Nutzen und die Wirtschaftlichkeit der Kraft-Wärme-Kopplung begegnet werden – sowohl seitens der Marktteilnehmer als auch durch vermittelnde Instanzen wie beispielsweise Verbände und Kammern.

2.2.2 Finanzieller Aufwand

Die Investition in die Kraft-Wärme-Kopplung kann insbesondere für kleine Unternehmen der Galvanotechnik einen erheblichen finanziellen Aufwand bedeuten. Kapitalverfügbarkeit und finanzieller Aufwand werden in einer Reihe von Studien als wesentliche Hemm­nisse für Investitionen in Energieeffizienztechnologie festgehalten [8]. Angesichts dessen liegt die Annahme nahe, dass vor allem die Kosten der Kraft-Wärme-Kopplung das größte Hemmnis für Unternehmen darstellen – in noch höherem Maße werden vermutlich die vor dem Betrieb anfallenden Opportunitätskosten bei der Sondierung, Planung oder Suche nach externer Unterstützung als solches gesehen.

Nach Einschätzung der teilnehmenden Partner im Reallabor erscheint der ­finanzielle Aufwand hingegen als geringes Hemmnis. Sofern die Wirtschaftlichkeit als positiv prognostiziert werden kann, sei die Finanzierung der Kraft-Wärme-Kopplung ein durchaus bewältigbarer Akt für die überwiegend kleineren Unternehmen der Galvanotechnik. Anhaltend günstige Kreditzinssätze und verfügbare Möglichkeiten der finanziellen Förderung stellen hierbei günstige Bedingungen dar. Vor diesem Hintergrund seien womöglich eine mangelnde Risikobereitschaft unter den Entscheidungsträgern verbunden mit einem mangelnden Interesse am System Kraft-Wärme-Kopplung ein größeres Hemmnis als der finanzielle Aufwand.

2.2.3 ­Investitionsamortisation

Sowohl die notwendigen komplexen Prognosen zur Wirtschaftlichkeit als auch die Wahl der richtigen Kennzahlen stellen sich als Hemmnis bei der Bewertung der Kraft-Wärme-Kopplung dar. Insbesondere im betriebs­internen Wettbewerb gegenüber ­anderen möglichen Investitionen können diese Aspekte den Ausschlag zu Ungunsten der Kraft-Wärme-Kopplung geben. Bei Betrachtung der Wirtschaftlichkeit mittels ROI (Return on Investment) wird von den Projektpartnern eine Amortisationsdauer von vier Jahren als angemessen eingeschätzt.

Gleichwohl wurde im Rahmen des Workshops an der Hochschule in Reutlingen im November 2019 von den Teilnehmern kritisch diskutiert, ob der ROI überhaupt eine taugliche Kennzahl für die Wirtschaftlichkeitsberechnung der Kraft-Wärme-Kopplung darstellt. Die Berücksichtigung des Internen Zinsfuß (IRR – Internal Rate of Return) würde sich dagegen als passendere Kennzahl erweisen und die Wirtschaftlichkeit der Technologie realistischer und zugleich attraktiver abbilden. Eine dogmatische Bindung an den ROI als alleinige Kennzahl zur Wirtschaftlichkeitsberechnung der Kraft-Wärme-Kopplung sollte aus der Sicht der Projektpartner daher zurückgewiesen werden.

2.3 Organisation und Strategie

2.3.1 Stellenwert von Energieeffizienz für das Unternehmen

Ausgehend der klassisch soziologischen Prämisse, dass die Bedeutung, die ­Menschen Dingen beimessen, die Grundlage für ihr Handeln bildet [9], erscheint die Frage nach der Bedeutung von Energieeffizienz für ein Unternehmen und ihr Effekt auf betriebliche Entscheidungen beachtenswert. Die Einschätzung der Projektpartner über die Relevanz des Stellenwerts von Energieeffizienz für ein Unternehmen der Galvanotechnik zeigte sich dabei ambivalent. Einerseits wird ein hoher Stellenwert als entscheidend für die Bereitschaft der Umsetzung der Kraft-Wärme-Kopplung betrachtet. Zum anderen wird davon ausgegangen, dass oftmals Lieferfähigkeit und Produktqualität eine wichtigere Rolle als Energie spielen; Maßnahmen zur Energieeinsparung werden häufig nur als Randthema behandelt. Steigende Energiepreise, eine mögliche CO2-Bepreisung und steigender Wettbewerbsdruck sollten dagegen den Stellenwert von Energieeffizienz zunehmend steigern.

2.3.2 Personalintegration

Die Komplexität der Kraft-Wärme-Kopplung als Energieeffizienzmaßnahme stellt sich – auch bei externer Unterstützung – als Team­aufgabe im Unternehmen dar. Die Einbindung von technischem, organisatorischem und kaufmännischem Personal ist eine organisatorische Bedingung für den Einsatz (von der Planung bis zum Betrieb) der Kraft-Wärme-Kopplung. Dementsprechend verlangt die Technologie von den Unternehmen sowohl entsprechende Strukturen als auch eine kooperative Unternehmensführung. Insbesondere Schlüsselpersonen (z. B. Personal mit hinreichenden Kompetenzen und Interesse an der Technologie) können hierbei im Einzelfall eine treibende Rolle spielen.

2.3.3 Energiemanagement

Energiemanagement wird allgemein als wichtiger Treiber zur Steigerung von Energieeffizienz und der Diffusion von energieeffizienter Technologie betrachtet [10, 11]. Dabei muss das Betreiben von Energie­management nicht notwendigerweise mit dem normgerechten Energiemanagementsystem ISO 50001 gleichgesetzt werden – zumal eine Zertifizierung aufgrund des hohen Aufwands für kleine und mittlere Unternehmen häufig nicht angestrebt wird. Nichts­destoweniger muss Energiemanagement – verstanden als strategisches Management von Energie verknüpft mit der Einbindung und Sensibilisierung der Mitarbeiter und der Nutzung eines breiten Spektrums verschiedener Maßnahmen [12] – als ein wesentlicher Treiber zur Umsetzung der Kraft-Wärme-Kopplung aufgefasst werden. Die Förderung von Energiemanagement in den Unternehmen der Galvanik würde demnach dazu beitragen, günstige organisa­tionale Bedingungen zu schaffen, um eine komplexe Energieeffizienzmaßnahme wie die Kraft-Wärme-Kopplung erfolgreich umsetzen zu können.

2.4 Kompetenzen und Awareness

2.4.1 Individuelle Awareness, Kompetenzen und Interessen

Obwohl die Umsetzung der Kraft-­Wärme-Kopplung eine Teamaufgabe im Unterneh­men darstellt, bedarf es dem ­individuellen Einsatz und Commitment der Unternehmensführung. Energiesparen muss Chefsache sein, brachte es ein Workshop-Teilnehmer auf den Punkt. Insbesondere in inhabergeführten kleinen und mittleren Unternehmen herrscht in der Regel eine ­starke Entscheidungszentralisierung. Ein mangelndes Interesse für die Technologie und deren Zusammenhang bedeutet in diesem Zusammenhang ein erhebliches Hemmnis. Hingegen sind individuelle Erfahrungen mit anderen ähnlichen Maßnahmen und ein hohes Interesse an der Technologie ein starker Treiber der Entscheidung für die Kraft-Wärme-Kopplung.

2.4.2 Prozess- und Energiedatenkompetenz

Oben wurde bereits angemerkt, dass eine hinreichende Transparenz der Produktions- und Energieprozesse eine Notwendigkeit der Entscheidungsanbahnung bis zur Umsetzung der Kraft-Wärme-Kopplung bedeutet. Die Betrachtung eines Galvanikunternehmens als Energiedatenbetrieb erfordert hinreichende Kompetenzen der Messtechnik, Datenerhebung und Dateninterpretation innerhalb des Betriebs, kurzum Digitali­sierungsexperten Diese Expertise wird bei flexiblem und residuallast-angepasstem Betrieb der Kraft-Wärme-Kopplung noch bedeutender. Der Problematik des Fachkräftemangels in mittelständischen Unternehmen wurde in diesem Zusammenhang von den Forschungspartnern problematisiert.

2.5 Suppliers und Service

2.5.1 Externe Unterstützung

Uneingeschränkter Konsens herrscht ­unter den Projektteilnehmern darüber, dass die Umsetzung und Verbreitung der Kraft-Wärme-Kopplung in der Galvanotechnik stark von der externen Unterstützung von Fachbetrieben, Beratungsunternehmen und Handwerksbetrieben abhängig ist. Die Qualifikationsanforderung an externe Unterstützung wird dabei besonders hoch angesetzt, da neben dem vorausgesetzten Wissen über die state-of-the-art-Technologie und den regulativen Rahmenbedingungen auch ein Verständnis der grundlegenden Prozesse der Galvanotechnik (Universalkompetenz) gefordert wird. Hemmend wirken sich in diesem Zusammenhang eine allgemein wahrgenommene Beratungsinflation und schlechte Erfahrungen mit externen Akteuren aus. Die Herstellung institutioneller Qualifikationsstandards ­könnte aus Sicht der Projektpartner eine Lösung zur Qualitätssteigerung der Energieberatung sein.

2.5.2 Contracting-Angebote

In Anbetracht der herausfordernden Natur der Kraft-Wärme-Kopplung für kleine Unternehmen der Galvanotechnik, den oben genannten Hemmnissen und nicht zuletzt den fallspezifischen Faktoren (andere Prioritäten/keine Zeit), versprechen Contracting-Angebote das geeignete Gegenmittel zu sein.
Allgemein und seitens des Bundes wird Contracting daher als marktbasiertem Instrument großes Anwendungspotential zugestanden [13]. Auch unter den Projektpartnern herrscht Konsens über die Nützlichkeit von Contracting; Contracting ist demzufolge die Lösung vieler Probleme, wie es einer der Workshop-Teilnehmer ausdrückte.

Problematisiert wurde dagegen die häufig skeptische Haltung von Unternehmen. Das zwiespältige Image von Contracting-Angeboten ist angesichts der entlastenden Funktion sachlich nicht notwendigerweise einfach nachzuvollziehen. Als ein Grund wurde die verbesserungswürdige Vermarktung von Contracting festgehalten. Bereits der Begriff würde mitunter abschreckend wirken, die Etablierung eines zugänglicheren Begriffs könnte Unternehmen womöglich bereits zu größerem Interesse reizen.

2.6 Regularien und Förderungen

2.6.1 Regulative ­Rahmenbedingungen

In welchem politischen und ordnungsrechtlichen Umfeld der Einsatz von KWK-Technologien stattfindet, hat grundsätzlich Auswirkungen darauf, wie sich Unternehmen mit der Thematik auseinandersetzen – das zeigen Vergleiche zwischen europäischen Staaten [14]. Die Kenntnis der vielfältigen und komplexen gesetzlichen Rahmenbedingungen ist für die Planung und Umsetzung der Kraft-Wärme-Kopplung unverzichtbar. Insbesondere Praktiker sehen in diesen steuer­lichen und ordnungsrechtlichen Aspekten daher häufig das größte Hindernis für Investitionen. Wenngleich auch die Unternehmen die Perspektive einer Überregulierung teilen, wirken sich die regulativen Aspekte nur indirekt aus. Bei der Planung und Umsetzung durch Beratungsunternehmen oder Fachunternehmen wird dieser Aspekt den externen Akteuren verantwortet. Dennoch: Im Kontext steigender Anforderungen an ­beschichtete Oberflächen und dem Umgang mit neuen gesetzlichen Vorschriften kann eine allgemeine Wahrnehmung der Überregulierung bereits eine Ablehnung auslösen.

2.6.2 Förderungen

Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffi­zienz in der Industrie (inkl. der Kraft-­Wärme-Kopplung) werden auf Bundes- und Landes­ebene durch eine Reihe von Angeboten (z. B. Zuschüsse, Darlehen für Beratung und Investitionen) unterstützt. Unter den Projektpartner herrscht hierbei die allgemeine Wahrnehmung undurchsichtiger Förderinstrumente, der mangelnden Unterstützung bei der Suche nach Fördermitteln und einem ungünstigen Aufwand/Nutzen-Verhältnis. Die Einschätzung der Projektpartner deckt sich dabei mit den Ergebnissen einer Umfrage unter 500 industriellen kleinen und mittleren Unternehmen in Baden-Württemberg [12].

Gleichwohl und ähnlich wie oben, verlassen sich die Unternehmen in der Regel auf die Unterstützung externer Beratung zur Ausschöpfung von Fördermitteln. Zudem werden finanzielle Anreize nicht als das kritische Kriterium bei der Entscheidung für die Kraft-Wärme-Kopplung betrachtet. Nichtsdestotrotz sollten Möglichkeiten der praktischen Förderinstrumente für den Einsatz der Technologie aus der Sicht der Projektteilnehmer für Unternehmen der Galvanotechnik einfach verfügbar gemacht werden.

2.6.3 Informations- und Kompetenzangebote

Der Mangel an verfügbaren Informationen ist ein häufig genanntes Hemmnis der Adoption von energieeffizienten Technologien [7]. In Anbetracht vielfältiger Informationsangebote – angefangen von der Einrichtung des Kompetenzzentrums KWK, Informationsbroschüren oder Webinaren seitens des Umweltministeriums Baden-Württemberg, bis zu den Informationen von Fachunternehmen – muss doch festgehalten werden, dass zumindest grundlegende Informationen rund um die KWK-Technologie auch für Laien problemlos gewonnen werden können. Zwei Fragen rücken daher in den Vordergrund:

  • Die Frage der Kommunikationswege, mit denen die Unternehmen der Galvanotechnik vermutlich effektiver auf die Kraft-Wärme-Kopplung als wirtschaftliche Energieeffizienzmaßnahme aufmerksam gemacht werden können. Die verstärkte Einbindung von Kammern und Verbänden wurde dabei von den Projektpartnern als Lösung dis­kutiert.
  • Die Herausforderung, Unternehmen überhaupt dazu zu bringen, nach Informationen zu suchen. In einer Umfrage unter 500 industriellen KMU in Baden-Württemberg gaben nur rund 30 % der Unternehmen an, sehr oder eher aktiv nach Energieeffizienzmaßnahmen zu suchen [12]. Eine Lösung dafür könnten proaktive Informationskampagnen von lokalen Institutionen (z. B. der Industrie- und Handelskammer) oder von Verbänden der Galvanotechnik sein.

    3 Zusammenfassung und Empfehlungen

Wie Abbildung 3 verdeutlicht, wurden die fallspezifischen Faktoren als größtes Hemmnis bei der Umsetzung der Kraft-­Wärme-Kopplung identifiziert. Dem Outsourcing mittels Contracting wird daher das ­größte Potential zur Umsetzung der Kraft-­Wärme-Kopplung in der Galvanotechnik beigemessen, wenngleich dessen Image als verbesserungsbedürftig eingeschätzt wird. Attraktive Angebote im Bereich Energiespar-Contracting und Energieliefer-Contracting speziell für die Galvanotechnik wären hierfür der Idealfall.

Abb. 3: Darstellung der identifizierten Hemmnisse nach Relevanz

 

Wenngleich die externen Hemmnisse von den Projektpartnern bedeutender als die internen eingeschätzt werden, so sind gerade diese mitunter schwieriger zu überwinden, wie beispielsweise ein mangelndes ­Interesse der Geschäftsführung an Energieeinsparungen oder der Technologie. Mit Blick auf die Unternehmen lassen sich die diskutierten Hemmnisse unter der Parole KWK-­Reife zusammenfassen. Verstanden als die Fähigkeiten eines Unternehmens, eine komplexe Energieeffizienzmaßnahme wie die Kraft-Wärme-Kopplung erfolgreich umsetzen zu können, beinhaltet sie:

  • Energieeffizienz als wesentlichen Teil der Unternehmensstrategie
  • technisch-organisatorische Maßnahmen (z. B. Energie- und Prozess-Monitoring)
  • organisatorische Maßnahmen (Verteilung von Aufmerksamkeit und Verantwortung)
  • hinreichende individuelle Kompetenzen

Die KWK-Reife von Unternehmen der Galva­notechnik kann gefördert werden durch:

  • Einführung von Energiemanagement in den Unternehmen
  • verstärkte Förderung der digitalen Transformation in Unternehmen der Galvanotechnik
  • institutionelle Förderung von Kompetenzen im Bereich digitaler Transformation und Technologiekompetenz (z. B. durch entsprechende Schwerpunkte in der Aus- und Weiterbildung)
  • proaktive Verbreitung von ­Informationen zu Nutzen und Wirtschaftlichkeit der Kraft-
    Wärme-Kopplung in der Galvanotechnik durch Verbände, Kammern oder im Rahmen von Energieeffizienz-Netzwerken.

Mit Blick auf die externen Hemmnisse sollten Informationen zu den relevanten Regularien und Förderungen der Kraft-Wärme-Kopplung Unternehmen der Galvanik einfach zugänglich gemacht werden. Insbesondere die Informationsverbreitung über den Nutzen und die Wirtschaftlichkeit der Technologie in der Galvanotechnikbranche sollte voran­getrieben werden. Diesem Zweck widmet sich dezidiert eine im Rahmen des Projekts GalvanoFlex_BW entwickelte Homepage, die in Kürze online gehen wird. Auf dieser Seite sind die wesentlichen Ergebnisse der Forschung zusammengefasst. Die Forschungspartner empfehlen den Interessenten, an der Umsetzung der KWK über diesen Weg teilzunehmen.

Literatur

[1] Landeskonzept Kraft-Wärme-Kopplung Baden-Württemberg; Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg (2015); https://um.baden-wuerttemberg.de/de/service/
publikationen/publikation/did/landeskonzept-kraft-waerme-kopplung-baden-wuerttemberg/

[2] E. Köse, A. Sauer, B. Thomas, T. Müller, S. Kölle, P. Schwanzer: Stromoptimierte Kraft-Wärmekopplung
(KWK) in der Galvanotechnikbrache – Steigende Energieflexibilität durch residuallast-­angepasste KWK; WOMag 8/2019; www.wotech-technical-media.de/womag/ausgabe/2019/07-08/17_galvanoflex_A_08j2019/17_galvanoflex_A_08j2019.php

[3] B. Thomas, T. Müller: Wirtschaftlichkeit von Blockheizkraftwerken in Galvanikbetrieben; ­WOMag 9/2019; www.wotech-technical-media.de/womag/ausgabe/2019/09/50_thomas_energieB_09j2019/50_thomas_energieB_09j2019.php

[4] T. G. Gerarden, R.G. Newell, R. Stavins: Addressing the Energy-Efficiency Gap; Cambridge, Mass.: Harvard Environmental Economics Program, Jan. 2015

[5] S. DeCanio: The efficiency paradox: bureaucratic and organizational barriers to profitable energy-saving investments; Energy Policy 26 (1998) 5, S. 441–454

[6] S. Kölle, P. Schwanzer, C. Dierolf, E. Köse: Energieeffizienz in der Galvanotechnik; WOMag 10/2019; www.wotech-technical-media.de/womag/ausgabe/2019/10/22_koelle_energieC_10j2019/22_koelle_energieC_10j2019.php

[7] E. Cagno, A. Trianni: Evaluating the barriers to specific industrial energy efficiency measures: an exploratory study in small and medium-sized enterprises; Journal of Cleaner Production, 82 (2014), S. 70–83

[8] H. L. F. De Groot, E. T. Verhoeff, P. Nijkamp: Energy savings by firms: decision-making, barriers and politics. Energy Economics, Vol. 23 (2001), S. 717–740

[9] H. Blumer: Symbolic interactionism: perspective and method; University of California Press: California, 1986

[10] J. Palm, P. Thollander: An interdisciplinary perspective on industrial energy efficiency; Applied Energy, 87 (2010), S. 3255-3261

[11] M. Schulze, H. Nehler, M. Ottosson, P. Thollander: Energy management in industry – a systematic ­review of previous findings and an integrative conceptual framework; Journal of Cleaner Production, 112 (2016), S. 3692–3708

[12] S. Löbbe, W. König, S. M. Büttner, C. Schneider: Entscheidung für Energieeffizienz: Auswirkungen von Kultur, Verhalten und Technikdiffusion in produzierenden KMU in Baden-Württemberg; Hochschule Reutlingen, 2019; DOI: https://doi.org/10.34645/opus-2093

[13] N. N.: Empirische Untersuchung des Marktes für Energiedienstleistungen, Energieaudits und andere Energieeffizienzmaßnahmen im Jahr 2018; Endbericht 2018 – BfEE 17/2017; www.bfee-online.de/SharedDocs/Downloads/BfEE/DE/Energiedienstleistungen/markterhebung2018.pdf

[14] F. Otto, J. Otte; in A. Raatz: Untersuchung der Marktchance, Hemmnisse und Systemoptionen für Strom erzeugende Heizungen vor dem Hintergrund neuer nationaler und internationaler technischer Entwicklungen im Bereich der Kleins-BHKW im Hinblick auf zukünftig anstehende Neu- und Umstrukturierung der deutschen Stromversorgung; Fraunhofer IRB Verlag, 2009

[15] Udo Sievers: Galvanoflex - stromoptimierte, flexible und residuallastangepasste KWK für die Betriebe der Galvanotechnik und vergleichbarer Branchen; WOMag 8/2017; www.wotech-technical-media.de/womag/ausgabe/2017/08/20_eiffo_­galvanoflex_08j2017/20_eiffo_galvanoflex_08j2017.php

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