Ceroxidnanopartikel: Auf die Oberfläche kommt es an
Abgasreinigung in Kraftfahrzeugen, Stromerzeugung aus Sonnenlicht oder Spaltung von Wasser: Diese und weitere Anwendungen können künftig von neuen Erkenntnissen zu Ceroxiden profitieren: Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Wissenschaftler Ceroxidnanopartikel mithilfe von Sondenmolekülen sowie einer komplexen Ultrahochvakuum-Infrarot-Messapparatur untersucht und teils überraschende neue Einsichten in Oberflächenstruktur und chemische Aktivität gewonnen.
Ceroxide, Verbindungen des Seltenerdmetalls Cer mit Sauerstoff, gehören zu den wichtigsten Oxiden für technische Anwendungen. Eingesetzt werden Ceroxide vor allem in der heterogenen Katalyse, beispielsweise in Abgaskatalysatoren für Kraftfahrzeuge, sowie in der Photokatalyse, etwa für Solarzellen, zur Spaltung von Wasser oder zur Zersetzung von Schadstoffen. Das Ceroxid, wie es in Katalysatoren verwendet wird, liegt als Pulver vor; dieses besteht aus nanoskaligen Partikeln (ein Nanometer ist ein milliardstel Meter) mit hochkomplexer Struktur. Dabei bestimmt die spezielle Anordnung der Metall- und Sauerstoffatome an der Oberfläche die physikalischen und chemischen Eigenschaften des Ceroxids. Bisher ließen sich die an der Oberfläche der Nanopartikel ablaufenden Umordnungs- und Rekonstruktionsprozesse allerdings nicht genau analysieren.
Am KIT haben Wissenschaftler des Instituts für Funktionelle Grenzflächen (IFG) unter Leitung von Professor Christof Wöll in den vergangenen Jahren ein neues Verfahren zur Untersuchung der chemischen Eigenschaften von Oxidoberflächen etabliert: Sie setzen kleine Moleküle, wie Kohlenmonoxid (CO), molekularen Sauerstoff (O2) oder Distickstoffmonoxid (N2O), als Sondenmoleküle ein. Diese lagern sich an der Oberfläche der Oxidnanopartikel an. Anschließend bestimmen die Forscher die Schwingungsfrequenzen der Sondenmoleküle. Dieser Zugang hat nun auch entscheidende Fortschritte beim Verständnis der Oberflächeneigenschaften von Ceroxidnanopartikeln ermöglicht.
Die Forscher des IFG untersuchten gemeinsam mit Wissenschaftlern des Instituts für Katalyseforschung und -technologie (IKFT) des KIT sowie der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Udine/Italien und der Polytechnischen Universität von Katalonien in Barcelona/Spanien verschiedene Aspekte der Oberflächenstruktur und der chemischen Aktivität von Ceroxidnanopartikeln. Ihre Ergebnisse präsentieren sie in drei jeweils einzeln veröffentlichten Beiträgen in der Zeitschrift Angewandte Chemie.
Wesentlich für die erzielten Fortschritte ist, dass es den Forschern gelang, die an den Pulvern gemessenen Schwingungsfrequenzen über Messungen an genau definierten Modellsubstanzen zu überprüfen. Sie bauten dazu eine komplexe Ultrahochvakuum-Infrarot-Apparatur auf, die weltweit einzigartige Messmöglichkeiten bietet. Zudem nutzten sie die Ergebnisse quantenmechanischer Rechnungen, um die zuvor unbekannten Schwingungsbanden an den Oxidpartikeln zuzuordnen. Dies ermöglichte eine ganze Reihe neuer, zum Teil unerwarteter Einsichten in die Oberflächenchemie der Ceroxidnanopartikel.
So wiesen die Wissenschaftler nach, dass die Oberfläche stabförmiger Ceroxidnanopartikel verschiedene Fehlstellen wie sägezahnähnliche Nanofacetten, Sauerstoffleerstellen, Ecken und Kanten aufweist. Diese Irregularitäten führen vermutlich zu der hohen katalytischen Aktivität solcher Nanopartikel. Weiter stellten die Forscher fest, dass sich die Photoreaktivität von Cerdioxid durch das Erzeugen von Sauerstoffleerstellen, das heißt unbesetzten Sauerstoffplätzen, deutlich steigern lässt. Eine weitere Studie lieferte grundlegende Erkenntnisse zur Lage von Sauerstoffleerstellen auf verschiedenen Ceroxidoberflächen und ihrer Bedeutung für die Sauerstoffaktivierung. Die Ergebnisse dieser Arbeiten ermöglichen nun, nanoskalige Ceroxidkatalysatoren und -photokatalysatoren systematisch weiterzuentwickeln und zu optimieren.
Veröffentlichungen:
Chengwu Yang, Xiaojuan Yu, Stefan Heißler, Alexei Nefedov, Sara Colussi, Jordi Llorca, Alessandro Trovarelli, Yuemin Wang, and Christof Wöll: Surface Faceting and Reconstruction of Ceria Nanoparticles. Angewandte Chemie. International Edition. DOI: 10.1002/anie.201609179 (Deutsche Ausgabe. DOI: 10.1002/ange.201609179)
Chengwu Yang, Xiaojuan Yu, Philipp N. Pleßow, Stefan Heißler, Peter G. Weidler, Alexei Nefedov, Felix Studt, Yuemin Wang, and Christof Wöll: Rendering Photoreactivity to Ceria: The Role of Defects. Angewandte Chemie. International Edition. DOI: 10.1002/anie.201707965 (Deutsche Ausgabe. DOI: 10.1002/ange.201707965)
Chengwu Yang, Xiaojuan Yu, Stefan Heißler, Peter G. Weidler, Alexei Nefedov, Yuemin Wang, Christof Wöll, Thomas Kropp, Joachim Paier, and Joachim Sauer: O2 Activation on Ceria Catalysts – The Importance of Substrate Crystallographic Orientation. Angewandte Chemie. International Edtion. DOI: 10.1002/anie.201709199 (Deutsche Ausgabe. DOI: 10.1002/ange.201709199)
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