Von den Alternativen zur Substitution – Chancen und Risiken – Möglichkeiten zur Innovation?

Oberflächen 07. 08. 2019
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Arbeiten des VECCO e.V., zusammengestellt von Dr. Uwe König, Haan

Die Wichtigkeit einer möglichen Substitution von SVHC Stoffen nimmt im gesamten REACh-Prozess stark zu. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Diskussion über die Anwendung von Chromtrioxid (Chromsäure) zu. Aufgrund der langjährigen Verwendung von Chromtrioxid in der Oberflächentechnik wird die Diskussion sehr kontrovers geführt. Während die NGOs die Vielfalt von sicheren Verfahren in den Fokus stellen, ist für die Anwender die Vielfalt der Produkte und Märkte im Fokus der Diskussion. In einem Bericht der EU-Kommission 2017 Impacts of REACH Authorisation [1] werden die Positionen im ­Detail gegenübergestellt. Leider wird kein Vorschlag zu einer Lösung gemacht.

Allerdings hat die Kommission, unter anderem bezugnehmend auf den Report 2017 [1], die allgemeine Bedeutung von Substitutions­anstrengungen in ihrem offiziellen Bericht zum Stand von REACh [2] betont, gleichzeitig aber auch darauf hingewiesen, dass eine detaillierte Abwägung der Ziele notwendig ist:

Das Zulassungsverfahren wird seinen Zielen, eine angemessene Kontrolle zu gewährleisten und Substitutionsprodukte zu fördern, gerecht, soweit technisch und wirtschaftlich realisierbare Alternativen zur Verfügung stehen. Seine Durchführung sollte noch effizienter werden und zum Ziel haben, den Verwaltungsaufwand und die wirtschaftliche Unsicherheit für antragstellende Unternehmen und insbesondere KMU weiter zu verringern [2].

Als Maßnahme hat die Kommission definiert:

Maßnahme 5: Förderung der Substitution von SVHC-Stoffen – Die Kommission, die ECHA und die Mitgliedstaaten werden verstärkt Fördermaßnahmen treffen, um die Substitution von SVHC-Stoffen zu erleichtern. Dies kann auch die Förderung des Aufbaus von Kapazitäten und von Kooperationsnetzen sowie von F&E-Investitionen (der EU und der Mitgliedstaaten) in nachhaltige Chemikalien und technologische Innovationen umfassen.

Aufgrund dieser Formulierung sind alle Verwender von Chromtrioxid aufgefordert, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Der VECCO e. V. wird dies für und gemeinsam mit seinen Mitgliedern aufgreifen und durchführen. Er wird relevante Situationsanalysen durchführen und diese den Mitgliedern als Entscheidungshilfen zur Verfügung stellen. Gleichzeitig werden die Ergebnisse den offiziellen Stellen zur Verfügung gestellt werden, um die Möglichkeiten von ­Substitutionen ­realistisch einschätzen zu können.

1 Diskussion zur Substitution von Chromtrioxid

Allgemein benennt die Studie von 2017 [1], dass der REACh-Autorisierungsprozess ein wesentlicher Treiber für Substitution ist, wie Abbildung 1 verdeutlicht. Somit wird es notwendig sein, diese Darstellung in der weiteren Diskussion zu berücksichtigen.

Abb. 1: Treiber für Substitution (Industrie) [1; Seite 76]

 

Gleichzeitig benennt die Studie auch, dass der Fall des Chromtrioxids besonders ist. Folgende Ergebnisse sind für die Diskussion der Substitution aber von Bedeutung [1, S. 204]:

  1. Es ist unstreitig, dass aus Gefahrensicht Chrom(VI) eine schwere Gefahr für den Menschen darstellt. Das Autorisierungsverfahren ist für den Großteil der Anwendungen zur Steuerung der Risiken nutztbar.
  2. Die weite Verbreitung von ­Chromtrioxid, insbesondere in der Oberflächenveredlung, führt jedoch dazu, dass die Zulassung dieses Stoffes eine große Anzahl von Unternehmen betrifft, von denen eine Reihe erhebliche negative wirtschaftliche Auswirkungen erwarten.
  3. Besonders die Lohnbeschichter sind mit Schwierigkeiten konfrontiert, da sie nicht die Eigentümer des Produktes sind und nicht selbstständig zu einer Alternative wechseln können. Kunden können Bestellungen an Nicht-EU-Lieferanten verlagern, anstatt die Entwicklung einer alternativen Technologie zu unterstützen oder direkt zu alternativen Technologien wechseln.
  4. Damit ist als Folge der Zulassung in den nächsten Jahren mit einer Konsolidierung in der Oberflächentechnik zu rechnen. Dies wird zu Unternehmen führen, die sich durch Autorisierung durchsetzen und vielleicht sogar gestärkt werden, und zu anderen, die wahrscheinlich in diesem Prozess auslaufen werden.
  5. Deutlich gemacht hat die Diskussion über Chromtrioxid aber die Bedeutung ­einer Upstream Behandlung der ­Autorisierung. Hintergrund ist die durch die Lohnbeschichter mögliche flexible Bearbeitung von Kundenprodukten und die Kostenbeteiligung durch viele Partner.
  6. Insgesamt zeigt sich, dass spezifische Anwendungen mit einer klaren Beschreibung tendenziell Empfehlungen für längere Überprüfungszeiträume erhalten.

Zur weiteren Behandlung der Diskussion über mögliche Substitutionen ergeben sich trotz der fehlenden Empfehlungen einige Punkte, die der VECCO e. V. aufgreifen wird.

Der Bericht hebt den Netzwerkansatz des VECCO e.V. hervor, über eine Genehmigung hinaus zusammenzuarbeiten. Er betont, dass dadurch die Kräfte im Bereich F&E gebündelt werden, Beratungsarbeit geleistet werden kann, bewährte Praktiken ausgetauscht und Standards und Erfahrungen zwischen den Mitgliedsunternehmen in verschiedenen Formen ausgetauscht werden können.

2 Ansatz des VECCO e.V.

Aufgrund dieser Erfahrungen hat der VECCO e.V. den Entschluss gefasst, die Erfahrungen von möglichen Substitutionen zusammenzustellen und in der Fachzeitschrift WOMag regelmäßig zu veröffentlichen.

Da immer wieder der Grad der Konkretisierung in der Diskussion angesprochen wird, sollen insbesondere die Erfahrungen von Anwendern mit den Potenzialen von den Verfahrenslieferanten verknüpft werden. Die Ergebnisse werden dann den Anwendern zur Verfügung gestellt, um realistische Entscheidungen für mögliche Planungen zu haben.

Ziel ist die Darstellung konkreter Beispiele, die klar zeigen sollen, was wodurch substituiert wurde, welche Anforderungen erfüllt werden müssen, wie lange es gedauert hat, und welche Kosten anfallen und welchen Nutzen die Substitution hat. Anhand der Beispiele werden die Bedingungen herausgearbeitet, die für eine Umstellung notwendig sind und die das Verfahren einhalten muss.

Gleichzeitig werden die Ergebnisse in die Diskussionen eingeführt, um diese auf eine aussagefähige Grundlage zu führen. Diese sollen helfen, die Diskussion für Behörden und NGO-Ebene zu strukturieren und Hintergrundinformation zur Verfügung zu stellen. Aufgrund der akzeptierten Vielfalt der Produkte ist ein wichtiger Punkt, die Diskussion von einzelnen Produkten zu abstrahieren und Möglichkeiten zu finden, diese Produktvielfalt hinsichtlich möglicher Alternativen überzeugend zu beschreiben. Hierzu bietet die Auswertung der Erfahrungen mit möglichen Alternativen einen erfolgversprechenden Ansatz. Dies entspricht auch dem Ansatz der ECHA, mittels Best Practice Beispielen die Alternativen hinsichtlich Risikobewertung, wirtschaftlichen Aspekten und vor allem hinsichtlich einer zeitlichen Umsetzung bewerten zu können [3].

Basis ist die Studie des Lowell Centre of Sustainable Production aus dem Jahre 2017 [4], die von der EU Kommission und der ECHA als Diskussionsgrundlage genutzt wird. Diese Studie benennt folgende Punkte und Anforderungen für die Diskussionen als relevant [4, S. 2]:

  • Erweiterung des Wissens über und des Engagements von Akteuren auf allen Ebenen, einschließlich der Behörden der EU und der Mitgliedsstaaten (MS), der Indu­strie (verschiedene Sektoren und die gesamte Lieferkette) und der Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), um eine kulturelle Grundlage für Substitution und chemische Innovation zu schaffen.
  • Bessere Verknüpfung von AoAs (Analyse der Alternativen) und Substitution mit ­Aktivitäten auf EU- und MS-Ebene in den Bereichen Innovation, Kreislaufwirtschaft und globale Wettbewerbsfähigkeit der EU-Unternehmen.
  • Substitutionsgedanken als Kernansatz des Chemikalienmanagements in Unternehmen und Behörden, um den zeitlichen Ablauf der Substitutionsplanung und der Nutzung von Alternativen früher in den Prozessen der Chemikalienbewertung und -verwaltung zu beschleunigen.
  • Verbesserung der Koordination und Vernetzung zwischen Behörden und anderen Organisationen, die die Unterstützung der Substitution leisten können.
  • Erhöhung der verfügbaren Ressourcen, um Unternehmen und andere bei der Entscheidungsfindung über Substitution zu unterstützen.
  • Steigerung des Nutzens und der Qualität von Bewertungen von Alternativen, die im Rahmen der Genehmigungs- und Beschränkungsverfahren und über Regulierungsprogramme hinaus durchgeführt werden, durch verbesserte Beratung und Ausbildung.

In Kombination mit diesen Punkten benennt der REACh-Report 2017 [1] die zu klärenden Fragen eindeutig und für Chromate sehr ausführlich. Wesentlich ist dabei die Akzeptanz durch den Kunden, wie es Abbildung 2 ausweist.

Abb. 2: Hindernisse für Substitution (Industrie) [1; Seite 77]

 

3 Arbeiten des VECCO e.V.

Da auch der Report für Chromtrioxid diesen Punkt als wesentlich für eine Substitution benennt, wird der VECCO e. V. durch Konkretisierung, Initiierung von gemeinsamen F&E-Projekten und Erfassung von Daten zur verlässlichen Beschreibung der Situation der Betriebe den Diskussionsprozess aktiv begleiten.

Neben der Bewertung und Einstufung von Risiken wird der VECCO e. V. diese Punkte mit den Aussagen des REACh Reports 2017 [1] hinsichtlich von Hemmnissen kombinieren (Abb. 2), weitere Leitlinien zur Substitution, beispielsweise der Automobil- oder chemischen Industrie, hinzuziehen und Ergebnisse zusammenstellen.

Die Ergebnisse werden allen Mitgliedern für die eigenen Diskussionen zur Verfügung gestellt werden. Sie sollen auch genutzt werden, um die Leistungen der Betriebe in der Laufzeit der Autorisierung gegenüber der ECHA darzustellen. Chancen und Risiken werden dabei gleichberechtigt behandelt.

In unregelmäßigem Abstand werden verschiedene Themen aufgegriffen und Entwicklungen dargestellt.

Aktuell sind als Themen vorgesehen:

  • Beschichtung mittels Chrom(III)systemen
  • Verwendung von Vakuumverfahren
  • Nutzung von Verfahren zum thermischen Spritzen

Diese werden ergänzt und fortgeschrieben. Eine Darstellung erfolgt abhängig vom Informationsgrad.

Jeder, der Informationen zur Verfügung stellen kann oder will, ist hierzu herzlich eingeladen.

Kontakt

VECCO e.V., Thankgrimweg 6, D-59759 Arnsberg;

Literatur

[1] Impacts of REACh Authorisation - Final Report; European Commission, DG Internal Market, Indu-
stry, Entrepreneurship and SMEs, Directorate D — Consumer, Environmental and Health Technologies, November 2017

[2] Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat und den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss - Gesamtbericht der Kommission über die Anwendung der REACh-Verordnung und die Überprüfung bestimmter Elemente - Schlussfolgerungen und Maßnahmen, EU Kommission 2018

[3] M. Vainio: Substitution as an RMM option: Reality and challenges; Vortrag, Workshop The Future of REACH Authorisation; 18.3.2019, ECHA Helsinki

[4] Approaches for Accelerating Substitution under REACH and Beyond: Strategic Options Assessment; J. Tickner, M. Jacobs, G. Howard, University of Massachusetts Lowell, Lowell Centre for Sustainable Production, 31 July 2017

www.vecco.de

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