Andere Länder, andere Sitten

Werkstoffe 10. 09. 2014

Im vergangenen Jahr haben sieben Fachleute der Oberflächentechnik eine Reise ins weit entfernte Japan unternommen. Die Reise wurde von Prof. Dr. Paatsch und Joachim Ramisch unter Mitwirkung des japanischen Kollegen Dr. Kume organisierte. Es ist nicht nur die große Entfernung, die diese Informationsreise so ungewöhnlich macht, sondern auch die Möglichkeit, tiefe Einblick in die Arbeitsweise der japanischen Kollegen der Galvano- und Oberflächentechnik zu nehmen. In vielen Bereichen sind uns die technikbegeisterten Japaner um Längen voraus, beispielsweise im Gebrauch der Mobiltelefone, der Hochgeschwindigkeitszüge, aber auch der Automobile, bei denen viele Zusatzfunktionen seit langem zum Standard gehören, wogegen wir in Europa erst seit kurzem eine umfangreichere Ausstattung mit Zusatzfunktionen in der Grundausstattung mitgeliefert bekommen.

Es wäre also durchaus zu erwarten gewesen, dass auch im Bereich Galvano- und Oberflächentechnik die japanischen Unternehmen reichlich über Automatisierungen oder eine weitreichende Analysentechnik verfügen. Die tatsächlichen Unterschiede lagen aber ganz woanders, wie die von Frank Benner zusammengefassten Eindrücke (Bericht Seite 43ff) erkennen lassen. Während wir in Europa stets nach möglichst großen Chargen streben, die mit immer größeren Gestellen beziehungsweise Trommeln (im Fall von Schüttgut) bearbeitet werden, haben es die japanischen Kollegen mit handlichen Chargen von einigen 10 bis einigen 100 Stück beziehungsweise weniger als 40 kg zu tun. Aus diesem Grund sind die Warenträgergestelle für unsere Verhältnisse klein, ebenso wie die Trommeln. Dafür erfordert die Belieferung der Kunden keine großen Transportfahrzeuge – was vermutlich auch mit den beengteren Verhältnissen bei Straßen außerhalb der großen Metropolen zu tun hat. Noch beeindruckender für die Reisegruppe war aber die Tatsache, dass nahezu die gesamten beschichteten Teile einer vollständigen (100 %) Prüfung unterzogen werden, bevor sie das Haus wieder verlassen. Und ebenso erstaunlich ist, dass häufig auf den Menschen als Mess- und Auswertegerät zurückgegriffen wird. So ist es in diesen Unternehmen nicht ungewöhnlich, dass 10 oder 15, meist weibliche Mitarbeiter, den gesamten Tag am Lichtmikroskop mit rasanter Geschwindigkeit jedes Teil visuell begutachten. Vergeblich gesucht werden dagegen vollautomatische Analyseeinrichtungen mit entsprechenden Einrichtungen zur Konstanthaltung der Prozesschemie.

In Deutschland wäre für viele Unternehmen eine solche Arbeitsweise aus Kostengründen und aus Mangeln an Fachpersonal, die eine derartige und anstrengende Prüfarbeit durchführen, nicht realisierbar. Es ist also mit Sicherheit auch eine Frage der Mentalität, die den japanischen Unternehmen diese Arbeitsweise erlaubt. Ein weiterer erstaunlicher Punkt war die Erkenntnis, dass in den japanischen Betrieben der Oberflächentechnik Papier und Stift der Vorzug vor Datensammlungen gegeben wird. Hier hat sich also die Freude an moderner Technik noch nicht durchgesetzt. Auf jeden Fall liefert der Blick nach Fernost interessante Anregungen, um über die eigene Arbeitsweise nachzudenken. Ein Dank an Frank Benner und Kollegen für die Eindrücke aus Japan.

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