Bericht über das 5. Forum Innovationskultur 2020 am 18. Februar in Nördlingen
Neue Ideen, Produkte, Verfahren und Dienstleistungen - Innovationen - sind Triebfedern des Fortschritts und das langfristige Lebenselixier eines jeden Unternehmens. Doch Innovationen fallen nicht vom Himmel. Sie sind Ergebnisse unternehmerischen Handelns! Herausragende Unternehmen sind sich darin sicher, dass ihre Zukunftssicherung nicht nur unter kurz- und mittelfristigen ökonomischen Gesichtspunkten erfolgen darf, sondern sie muss langfristig durch eine strategisch ausgerichtete Positionierung und ein wirkungsvolles Innovationsmanagement unterstützt werden. Dieses baut auf verschiedenste Eckpfeiler: eine erfolgreiche Marktbeobachtung, ein funktionierendes und effizient ausgestaltetes Ideenmanagement, eine sorgsame Beobachtung von Trends und Mitbewerbern, den intensiven Austausch mit Kunden und das Erkennen ihrer Bedürfnisse, eine positive Gestaltung der Unternehmenskultur, Gestaltungsfreiräume, den Einsatz wirksamer Kreativtechniken oder die gestaltende Einbindung der Führungs-, Produkt- und Entwicklungsverantwortlichen. Doch häufig kommen Innovationsbemühungen aufgrund des hohen operativen Arbeitspensums zu kurz. Wie man seine Innovationsfähigkeit wirksam steigert, sich Innovationen systematisch erarbeitet, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen positiv gestaltet, dies stand im Mittelpunkt des Fachaustauschs. Best Practices und Erfahrungswerte namhafter Unternehmen sowie neue Erkenntnisse aus Forschung und Unternehmensberatung wurden beim 5. Forum Innovation des Technologie Centrums Westbayern, das sich mit unterschiedlichen Technologien, beispielsweise der Mechatronic oder der Herstellung von elektronischen und elektrotechnischen Bauteilen, befasst, diskutiert. Dargelegt wurden Möglichkeiten, wie Optimierungspotentiale erkannt, Mitarbeiter überzeugt und motiviert werden können, innovativ im Sinne der Unternehmensziele zu sein. Insbesondere ist hierbei zu berücksichtigen, dass Innovationsfindung und -pflege ein Führungsthema ist, wie Prof. Dr. Markus Glück in seiner Einführung betonte.
Innovations-Coaching
Eröffnet wurde die Reihe der Vorträge von E. Ludwig mit einer Betrachtung zur Förderung des Innovations-Coachings, das zu einem Interessensgebiet der Universität Augsburg zählt. Ausgangspunkt eines Ansatzes ist das Erkennen der verschiedenen bestehenden Kompetenzen: Beharrungskompetenz, Veränderungskompetenz, Entwicklungskompetenz und Innovationskompetenz. Alle Arten besitzen durchaus ihre Berechtigung, erfordern aber eine Anpassung und sind bei zu hohem statischem Verharren der Hemmschuh gegen eine Weiterentwicklung. Der Aufbau von Kompetenz ist der Ansicht des Vortragenden zufolge Bewusstseinsentwicklung.
Die Innovationskultur kann den Referenten zufolge über ein Modell beschrieben werden, das aus vier Aspekten aufgebaut ist. Kollektiv und von außen bestimmt sind Produkte, Anlagen, Prozesse und Strukturen. Individuell und von außen beeinflusst sind Verhalten, Wissen, Fähigkeit und Körper. Die Sichtweisen kollektiv und innen lassen sich mit Werten, Visionen, Wir-Gefühl und Kultur charakterisieren. Als viertes Element gilt die Bestimmung von innen, individuell mit den Elementen Gedanken, Gefühle, Intentionen und Motivation. Alle Elemente wirken integral, indem alle Bereiche und Elemente gleichzeitig wirken und das Verhalten im Unternehmen steuern.
Die heute gepflegten Werte unserer Gesellschaft beruhen auf den Schwerpunkten des Lebens, die sich in der Evolution der letzten 100 000 Jahre entwickelt haben. Beginnend bei der Strategie des reinen Überlebens über die Rituale, Macht/Kraft, Regeln/Normen, Leistung/Effizienz, Wertschätzung/Gleichheit und als neuestes Element Integral/Bewusstsein. Für das letzte Element weisen die Vortragenden darauf hin, dass alle darunter liegenden Bereiche als grundlegend, essentiell betrachtet werden. Um Innovationen zu fördern, ist es nach Ansicht der Vortragenden wichtig, diese verschiedenen Elemente und deren Auswirkungen in den Arbeitsgruppen zu erkennen. Als eine der Schlussfolgerungen daraus ergibt sich für Unternehmen die Herausforderung, jede Stufe des Wertesystems im richtigen Maße zu entwickeln.
Anleitung zum Unvernünftigsein
Wie Stephan Meier einführend betonte, fördert das Unvernünftigsein die Kreativität zu Änderungen und Weiterentwicklungen. Hierzu werden an kreative Menschen einige Anforderungen gestellt.
So ist davon auszugehen, dass nicht jede neue Idee automatisch auf Zuspruch stoßen wird, insbesondere muss sehr oft gegen bestehende und oftmals falsche Ansichten gekämpft werden. Dies gilt insbesondere für wirklich weltbewegende Neuerungen.
Innovationen erfordern die Kombination von menschlichen Charakteren mit den passenden Neigungen. Dazu teilte der Vortragende diese Eigenschaften in sechs verschiedene Typen ein, wie Tüftler, Erbsenzähler, Zauderer, Moderator, Visionär oder Beamte. Innovationen werden insbesondere durch Tüftler und Visionäre hervorgebracht, wogegen die anderen als Konservative für das Bestehende kämpfen. Dies ist auch der Grund, weshalb das Durchsetzen von Innovationen ein hohes Durchhaltevermögen erfordert. Als weiteres wichtiges Element gilt einer der ersten so genannter Folger eines Visionärs. Nur dann hat eine Neuerung die Chance, zu bestehen.
Neuen Ideen zufolge ist es wichtig, sich nur von den eigenen Werten leiten zu lassen. Dies gilt insbesondere auch unter dem Bewusstsein, dass jeder Mensch ein eigenes, abweichendes Wertesystem besitzt. Des Weiteren ist es wichtig, den Wert einer neuen Idee zu erkennen. Schließlich kann als Empfehlung zum innovativen Arbeiten der Drang danach gesehen werden, Produkte benutzerfreundlicher zu gestalten. Dazu werden verschiedene Produkte auf deren Nutzungen hin überprüft. Auch an diesem Punkt ist nach Ansicht des Vortragenden zu erkennen, dass unvernünftiges Verhalten notwendig beziehungsweise förderlich für Innovation ist.
Innovationsprozesse
Dr. Matthias Meyer gab in seinen Ausführungen einen Einblick in die Innovationsprozesse der BMW Group. Für BMW ist Innovation aus Prinzip besonders wichtig, da sich der Konzern über innovative Produkte definiert. Als schwierig wird in diesem Zusammenhang die Langfristigkeit von Innovationen genannt. Vorteilhaft ist die Tatsache, dass Innovationen bei den Käufern honoriert werden. Als Basis der Innovationen werden beispielsweise wichtige Trends aufgegriffen und in neue Produkte umgesetzt.
Kriterien für Innovationen müssen unter anderem kommunizierbar sein oder einen Nutzen für den Abnehmer aufweisen. Des Weiteren müssen Innovationen an verschiedene Märkte angepasst werden oder verkaufbar, das heißt in Markterlöse umsetzbar, sein. Bei BMW werden Innovationen für die verschiedenen Marken zugeschnitten. Dabei werden bereits in einer frühen Phase der Entwicklung Auswahlen getroffen, was in welcher Art und Weise umgesetzt wird. Daraus ergeben sich für die verschiedenen Fahrzeuge strategisch ausgerichtete Entwicklungsprozesse. Der Kreativprozess wird bei BMW nach 20 Kundensituationen beurteilt. Hierzu gilt als eines der ersten Kriterien zum Beispiel das äußere Erscheinungsbild. Weiter kommen Punkte wie Fahrspaß, Bedienung, widrige Umweltbedingungen, städtisches Fahren, Parken in der Stadt oder auch die Vermittlung der Fahrgefühle zwischen verschiedenen Personen. Insgesamt spielt also der Eindruck des Kunden bei der Verwendung eines Fahrzeugs eine wichtige Rolle. BMW bietet die Möglichkeit, dass Kunden ihre Eindrücke und wünsche über eine spezielle Plattform dem Konzern mitteilen. Es werden zudem Ideenwettbewerbe initiiert, die sehr hohe Freiheitsgrade besitzen.
Aus diesen Prozessen entstandene Ideen werden bewertet, wobei vor allem die Punkte Kundennutzen, Differenzierung und Kommunizierbarkeit hohes Gewicht besitzen. Anschließend werden die Ideen über den Innovationstransfer in Prototypen umgesetzt. Bereits hier wird auch die Realisierung der Produktion in einer marktfähigen Stückzahl betrachtet. Ergebnisse dieser Arbeitsweise zeigte Dr. Meyer an Beispielen wie dem BMWi3 für den Stadtverkehr oder dem Angebot von Zusatzdienstleistungen, die vor allem für Elektrofahrzeuge sehr wichtig sind.
Psychologie des Entwerfens
Nach den Ausführungen von Rüdiger Maas hat die Entwicklung heute einen übermäßigen Anteil an neuen Produkten gewonnen. Darunter ist bevorzugt die Interaktion Mensch-Maschine in den Vordergrund gerückt. Diese befasst sich mit der Bedienbarkeit von Produkten. Eine bis heute verwendete Entwicklung aus der Ingenieurspsychologie ist die Anordnung der Tasten eines Wählfeldes für Telefone. Dabei spielen aber auch kulturelle Präferenzen eine Rolle. So bevorzugen Japaner seit langem möglichst große Mobiltelefone, wogegen die westlichen Kulturen lange zunehmende Miniaturisierung wünschten.
Als Hilfestellung für Ingenieure nannte der Vortragende die Aufgabe, den Fachleuten am Anfang das Gesamtprojekt vorzustellen und ihnen die Herausforderung zu stellen, die Details zu entwickeln. Daneben sollte frühzeitig ein Blick auf die Kosten geworfen werden, da am Anfang das Kostenreduzierpotential am höchsten ist.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Optimierung der Arbeitszeit und der Arbeitsplätze, um die Arbeitszeit bestmöglich zu nutzen. Auch die Unterbrechungen sollten so geringfügig wie möglich sein, da bis zu zehn Minuten erforderlich sind, um sich wieder in ein Problem einzudenken. Das Aufschreiben von Arbeitswegen und gefundenen Lösungen unterstützt die Entwicklungsarbeiten ebenso wie die Diskussion mit Fachfremden. Die Herstellung von Modellen hilft bei der Beurteilung von Produkten oder beim Aufzeigen von gedanklichen Fehlern bei der Konstruktion, wodurch für die Erfassung nahezu alle Sinne in Anspruch genommen werden.
Faszination Porsche
Dr. Jasmin Ostertag führte in die Innovationsprozesse bei Porsche ein. Für Porsche ist vor allem die Bewältigung des Spagats von Sportwagen zu den heute gefragten grünen Fahrzeugen zu schaffen. Unterstützt wird die gute Position des Konzerns dadurch, dass das Qualitätskennzeichen Made in Germany durch die starken deutschen Produktionsstandorte erhalten bleibt. Bei den Fahrzeugen des Hauses konnte Tradition mit Innovation, Performance mit Alltagtauglichkeit, Exklusivität mit Akzeptanz oder Design mit Funktionalität verknüpft werden. Damit gelingt es, Gegensätze zu verbinden, die wiederum die Kunden begeistern und gleichzeitig eine markentypische Differenzierung zu erreichen.
Impulse werden aus den bestehenden Zukunftsszenarien gezogen, wobei auf eine technische Realisierung geachtet wird. Hierbei werden als externe Punkte die Megatrends in Betracht gezogen, der demographische Wandel berücksichtigt und strategische Entscheidungen des Konzerns als Leitlinien zugrunde gelegt. Die Ideenfindung greift auf internes Wissen und externe Stellen wie Hochschulen, externe Berater oder bestehende Arbeitskreise zurück.
Für Porsche wurden drei wichtige Trendkriterien genannt: vernetzt, grün und wirtschaftlich. Die Vernetzung muss sich derzeit gegen die Befürchtungen des gläsernen Menschen wehren und die positiven Chancen ausnutzen. Unter dem Stichwort der grünen Technologie wird vor allem auf eine hohe Effizienz abgezielt. Dafür wird eine Bewusstseinsschärfung oder Reduzierung auf das Wesentliche in den Vordergrund gestellt. Als Wesentliches kann beispielsweise eine Einparkhilfe ebenso wie ein hohes Antriebspotenzial betrachtet werden. Nicht zuletzt ist Porsche unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit in der guten Situation, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine gute Rendite erzielt zu haben – was sich auch positiv auf die Einführung neuer Arbeitstechniken und Betrachtungen zur Marktentwicklungen auswirkt.
Emerging Markets
Aus der Sicht der Unternehmensberatungen gab Stefan Herr einen Einblick in die Innovationsstrategie für profitables Wachstum. Erfahrungsgemäß sind die deutschen Produkte im oberen Bereich der Preis- und Leistungsklasse angesiedelt. Dafür bestechen die Produkte durch hohe Qualität. Allerdings erleiden dadurch viele deutsche Hersteller einen Wettbewerbsnachteil und damit ergibt sich eine angreifbare Position für viele Produzenten. Oftmals wachsen viele Hersteller der mittleren Preisbereiche und greifen anschließend im Premiumsegmentbereich nach Marktanteilen – als Beispiel nannte der Vortragende Samsung im Bereich der Mobiltelefone. Um hier gewappnet zu sein, bauen einige Konzerne Fertigungskapazitäten in China auf, wie beispielsweise Volkswagen. Dieser Trend wird dadurch unterstützt, dass chinesische Unternehmen europäische übernehmen. Allerdings wies der Vortragende auch darauf hin, dass eine reine Arbeit im Premiumsegment kritisch ist. Er empfiehlt, sich im mittleren Segmentbereich zu betätigen.
Zur Positionierung des eigenen Unternehmens in einem Produktbereich, beispielsweise im mittleren Marktbereich, sind Fragen bezüglich des Potenzials, der Risiken oder auch der besonderen Charakteristiken zu beantworten. Insbesondere ist es wichtig, bei der Änderung der Produkte auch einen anderen Kundenbereich anzusprechen. Darüber hinaus ist auch die Entwicklung der Produkte in diesen Märkten zu betrachten oder es sind die passenden Märkte zu wählen.
Bei der Einordnung der Produkte in den Markt ist darauf zu achten, dass die Produktlinien klar voneinander abgegrenzt werden. Markennamen sollten auch bei Anpassung an die Wünsche des Markts an ein Produkt erhalten bleiben. Bevorzugt sind natürlich diese Merkmale eines Produkts, die der Kunde wertschätzt, und damit auch bereit ist, einen höheren Preis zu bezahlen. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass es Kunden gibt, die den Wert eines Produkts bewerten und solche, die nur nach dem Preis über den Kauf eines Produkts entscheiden (Value Buyer, Price Buyer).
Innovationspraxis im Leiterplattenmarkt
Den Weg von der Innovation zur Marktführerschaft beschrieb Norbert Krütt von der Fela GmbH. Das Unternehmen des Vortragenden bewegt sich in einem Markt, der heute zu 90 Prozent in Asien stattfindet, während in Europa nur noch 4,5 Prozent der Gesamtleiterplatten gefertigt werden. Ein Grund für die Verschiebung der Leiterplattenbranche nach Asien liegt darin, dass sich die Produkte der Hersteller im Prinzip nicht unterscheiden. Damit spielt eigentlich nur noch der Preis der Produkte eine Rolle.
Als einzige Lösung bezeichnet der Vortragende Innovationen, mit denen das Unternehmen des Referenten Erfolg hatte. Hauptschwierigkeit war die erfolgreiche Vermarktung des neuen Produkts FELAM. Dazu wurde ein Wandel vom Leiterplattenhersteller zum Systemhersteller betrieben, beispielsweise durch das Angebot des Felam Glasline oder der Felam Thermoline. Die Umsetzung erfolgte in Form einer verlängerten Werkbank. Hierfür ging Fela sogar soweit, dass eine eigene Ausbildungsstätte in Form der Fela-Akademie entstand. Des Weiteren wurde die Unternehmensstruktur den neuen Produktionsherausforderungen angepasst.
Innovationstreiber Smartphone
Eine weitere wichtige Technologie, die seit einiger Zeit einen kaum vorstellbaren Boom verzeichnen kann, stellte Andy Walter (macio, Karlsruhe) mit dem Smartphone und seinem Blick auf die Software vor. Wie er ausführte, sehen sich die Entwickler für Software einem enormen Druck durch die schnelle Entwicklung der Betriebssysteme ausgesetzt. Im Gegensatz dazu nehmen die Hardwarehersteller kaum Rücksicht auf die Weiterentwicklung der Software. Die Kunden reagieren allerdings sehr sensibel darauf, wenn Anwendungen auf Smartphones nicht mehr funktionieren. Dies ist insbesondere dann festzustellen, wenn die Anbieter ihre Betriebssysteme aktualisieren.
Softwareentwickler reagieren darauf zunehmend, indem sie ihre Software unabhängig von Plattformen oder Gerätetypen entwickeln und sich damit von den Trends der Gerätehersteller abkoppeln. Dazu werden passende Plattformstrategien für die jeweiligen Anwendungen entwickelt. Für den Anwender ändert sich die Situation dahingehend, dass an der Hardware gespart werden kann, wogegen die Kosten für Wartung steigen.
Industrie 4.0
Zum Abschluss der Veranstaltung ging Prof. Dr. Markus Glück auf die Zukunft der Produktion aus der Perspektive des Innovationsmanagement – kurz als Industrie 4.0 bezeichnet – ein. Die industrielle Produktion steht vor einem gewaltigen Umbruch. Steigende Produktivitätsanforderungen, eine zunehmende Variantenvielfalt, reduzierte Losgrößen und weltweite Beschaffungsketten erfordern die Auseinandersetzung mit neuen Steuerungs-, Automatisierungs- und Qualitätssicherungskonzepten.
Auf dem Weg zur intelligenten Fabrik, der über eine konsequente Vernetzung und vollständige Integration der Automationskomponenten, der Qualitäts- und Produktionsmanagementsysteme im Fertigungsumfeld führt, wurde die vierte industrielle Revolution – die Innovationsoffensive Industrie 4.0 – ausgerufen. Primäre Ziele sind die Flexibilisierung der Fertigung und die Steigerung der Produktivität durch den dezentralen Einsatz vernetzter maschineller und informationstechnischer Intelligenz.
Die Industrie 4.0 bedeutet mit dem Blick auf die Zeitachse nicht unbedingt eine Revolution, sondern ein eher evolutionäres Weiterentwickeln von bestehenden Technologien. Die Konsequenzen dieses Veränderungsprozesses sind aber revolutionär und haben weitreichende Auswirkungen, die vielfach noch in ihrer Tragweite unterschätzt werden. Daher ist es richtig, die Leitvision der Industrie 4.0 jetzt engagiert zu diskutieren und weiterzuentwickeln, bestehende Ideen zu einem Oberbegriff zu bündeln, denn aus der Perspektive des Innovationsmanagements kann nur mit einer ambitionierten Vision der dringend erforderliche Ruck durch Deutschlands produzierende Industrie gehen. Oder kann im Ernst darauf gehofft werden, dass ohne Kennedy‘s Weckruf aus den 1960er Jahren (In zehn Jahren steht einer von uns auf dem Mond) die Elektroniknation USA aufgewacht wäre und ihre Kräfte gebündelt hätte?
Die Industrie 4.0 bietet die selben sehr guten Chancen für den Maschinenbaustandort Deutschland. Und der Wettbewerb schläft nicht. Auch in den USA formieren sich ähnliche Initiativen unter dem Oberbegriff Integrated Production, ebenso in China. Auch wenn sich in der Produktion nicht alles von heute auf morgen ändern wird, Mittelständler können es sich nicht leisten, diese Entwicklung zu verschlafen. Sie müssen sich schon heute auf den Wandel einstellen und vorbereiten, sonst werden sie eines Tages von den Wettbewerbern abgehängt oder können als Zulieferer nicht mehr ihre Kunden, zum Beispiel in der Automobilproduktion – einer Schrittmacherbranche der Industrie 4.0 – bedienen, denn die Optimierungspotenziale in der linearen Produktionsorganisation sind ausgeschöpft.
Die Produktionsanlagen sind nach den Worten des Vortragenden noch immer unzureichend vernetzt, die Prozessketten noch viel zu stark fragmentiert, die Steuerungssysteme noch viel zu wenig mit dem aktuellen Fertigungsgeschehen verknüpft. Daher hat man noch immer zu hohe Rüstzeiten, Stillstandszeiten und Bestände in den Fertigungslinien. Diese Herausforderung ist nur durch eine bessere Verknüpfung der Maschinen und einen flexibleren Steuerungsansatz zu lösen. Das große Plus und der entscheidende Unterschied zu bisherigen Konzepten einer intelligenten Fabrik ist der durchgängige Datenfluss vom Lieferanten zum Kunden.
Voraussetzung sind mit Sensoren bestückte intelligente Produkte, so genannte Cyber-Physical Systems (CPS), die ihre komplette Historie – vom Entstehungsprozess bis zur Auslieferung über einen ganzen Produktlebenszyklus hinweg – erzählen und über ihre Bearbeitung bestimmen. Flexibel einsetzbare autonome Produktionssysteme, die sich selbstständig untereinander koordinieren, beherrschen die Fertigungsfläche. Montagelinien, Werkzeuge und Roboter parametrisieren sich automatisch auf die zu fertigenden Produktvarianten.
Ein Eckpfeiler sind produktionsintegrierte Mess- und Prüfsysteme, die inline in Echtzeit parallel zum Fertigungsfluss Objekte erkennen und gleichzeitig qualitätsrelevante 100%-Prüfungen an Halbzeugen und Endprodukten vornehmen, ohne dabei den Fertigungsprozess in seinem Takt zu bremsen. Sie eröffnen die Möglichkeit, gleichzeitig Werkstücke zu erkennen, Roboter exakt zu positionieren und die nötigen Prüfungen vorzunehmen. Zudem zeigt sich, dass mit der Weiterentwicklung zur intelligenten Fabrik auch das Qualitätsmanagement eines sich selbst organisierenden Produktionsumfeldes radikal überdacht werden muss, um zum Beispiel auch in einer sich selbst organisierenden Fertigungslinie eine lückenlose Rückverfolgung der produzierten Komponenten sicherzustellen.
Mittelstandsunternehmen müssen sich außerdem auf eine flexible Automation in ihren Produktionssystemen einstellen. Ihre Maschinen müssen Codierungen zukünftig durchgängig automatisch lesen und richtig interpretieren können. Auch bei Maschinenanschaffungen in den nächsten Jahren gilt es, auf einheitliche Schnittstellen, leistungsfähige Steuerungen und eine effiziente M2M (Maschine zu Maschine) zu setzen. Nur wer es schafft, Fertigungsanlagen in Produktionssteuerungsumgebungen wirkungsvoll zu integrieren und Echtzeit-Kennzahlen zur Steuerung der Produktionsprozesse – zum Beispiel über ein MES (Manufacturing Execution System) – einzusetzen, wird es schaffen, die immer komplexeren Produktionsabläufe zu beherrschen und deren Zusammenspiel nachhaltig zu optimieren.
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