Strategische Metalle spielen eine wichtige Rolle in vielen Produkten, von der Beleuchtung über Elektronik bis zum Maschinenbau und der Fahrzeugtechnik. Elektronikschrott wird zunehmend als potenzielle Quelle für einige dieser Metalle betrachtet, auch wenn heute die Metalle mit niedriger Konzentration oft nicht zurückgewonnen werden können. Dies wurde auch auf dem internationalen Kongress für Elektronikrecycling (IERC) in Salzburg vom 22. bis 23. Januar 2014 deutlich.
Thomas Breitkopf vom Recyclingdienstleister Remondis betonte, dass in Deutschland heute schon 14 Prozent der jährlich von der Industrie benötigten Rohstoffe aus recyceltem Material bestehen. Dabei sind elektrische und elektronische Altgeräte (WEEE) nur eine Quelle von mehreren. Das Ziel müsse aber darin bestehen, diese Quote weiter zu erhöhen, schon alleine deshalb, weil die Gewinnung von Metallen aus WEEE bis zu 40-mal weniger Energie erfordere als die Gewinnung aus Primärerz. Um also möglichst Wertstoffkreisläufe zu schließen, müssten Altgeräte besser erfasst und entsprechend den vorhandenen Standards und gesetzlichen Bestimmungen bearbeitet werden. Außerdem sei ein Verzeichnis der verschiedenen Materialströme wichtig, um ungewollte Verluste durch Exporte außerhalb Europas zu verhindern.

Plenarvortrag auf dem IERC Kongress 2014
In Europa werden 2020 voraussichtlich durchschnittlich 24 Kilogramm Elektronikschrott pro Kopf oder zwölf Millionen Tonnen pro Jahr anfallen, heute werden jedoch nur vier Kilogramm pro Kopf eingesammelt und verarbeitet. Nach den letzten Entscheidungen der Europäischen Kommission soll dieser Wert durch entsprechende Vorschriften in den nächsten Jahren kontinuierlich auf etwa 20 Kilogramm steigen. Diese fünfmal größere Menge stellt natürlich für die Recyclingindustrie einen gigantischen Markt und Wert dar, daher ist verständlich, warum sie so vehement darum kämpft, Billigkonkurrenz innerhalb und außerhalb von Europa von diesem Markt fernzuhalten. Hier wird gerne das Argument des Gesundheitsschutzes in Afrika und Asien genannt, wo die Menschen unseren Elektronikschrott ohne richtige Hilfsmittel und Schutzmaßnahmen verarbeiten und das ist auch richtig. Dennoch stehen handfeste wirtschaftliche Interessen hinter den Forderungen, nur zertifizierte Verarbeiter zuzulassen. So nannte Thomas Breitkopf als Voraussetzung für geschlossene Kreisläufe von der Produktion zur Nutzung und weiter zum Recycling und wieder zur Produktion in erster Linie eine Verbesserung der Standards, die Einrichtung von Kontrollsystemen und die bessere Überwachung von Exporten.

Die meisten Vorträge waren sehr gut besucht und insbesondere die Podiumsdiskussionen zogen viele Zuhörer an
Die Weiterentwicklung der Technik spielt hier scheinbar keine so große Rolle, zumindest aus Sicht der etablierten Dienstleister. Zwar werden nach Aussage von Breitkopf von etwa 60 wichtigen Metallen heute weniger als ein Drittel zu mehr als 50 Prozent zurückgewonnen. Vierunddreißig Elemente haben Recyclingquoten unter einem Prozent und strategische Metalle werden zunehmend in ihrem Wert erkannt, allerdings ist die Bereitschaft der großen Unternehmen, selbst größere Summen in die Weiterentwicklung der Technologien zu stecken, oft begrenzt.
Wie sehr ein erfolgreiches Recycling auch das Ergebnis von Regulierung und Standards ist, wurde nicht nur im Vortrag von Andrea Banti von der EU-Kommission deutlich, sondern auch in einer Vielzahl von Vorträgen über organisatorische Entwicklungen und Notwendigkeiten.
Aus Sicht der Europäischen Kommission werden mit der neuen WEEE-Direktive die Weichen hin zu einer besseren Kontrolle der Materialströme und damit hin zu einer umfassenderen Sammlung von Elektronikschrott gestellt. Sie will durch ambitionierte Sammel- und Recyclingquoten für jeden Mitgliedsstaat dafür sorgen, dass die verschiedenen Systeme in den Staaten schrittweise verbessert werden. Der illegale Export von Elektronikschrott unter dem Etikett der Gebrauchtmaschinen soll durch die Umkehr der Beweislast verringert werden. So müssen zukünftig die Exporteure beweisen, dass die Geräte konform zu den rechtlichen Vorschriften ausgeführt werden.
Gleichzeitig sollen die bürokratischen Anforderungen bei der Registrierung neuer Geräte für den Markt verringert werden. Für 2016 hat die Kommission das Ziel gesetzt, 45 Prozent der Menge der neu verkauften elektrischen und elektronischen Geräte als Elektronikschrott wieder einzusammeln. Bis 2019 soll dieser Wert auf 65 Prozent der verkauften Geräte oder 85 Prozent der insgesamt anfallenden Menge an Altgeräten steigen. Auch sollen Geschäfte mit einer Ladenfläche von mehr als 400 Quadratmetern Altgeräte bis zu einer Größe von 25 Zentimeter zurücknehmen müssen. Durch harmonisierte Abläufe in der EU-Bürokratie sollen die Verwaltungskosten, auch für die Hersteller der Geräte, verringert werden.
Die Sichtweise der europäischen Recyclingindustrie präsentierte Norbert Zonneveld, der Generalsekretär des Verbandes der europäischen Elektronikrecycler. Die Sammelquoten für WEEE in Europa steigen zwar insgesamt an, es gibt aber zu wenig Daten, um den Erfolg oder Misserfolg der Sammlung zuverlässig beurteilen und dokumentieren zu können. Aus diesem Grund möchte die Industrie erreichen, dass alle Verarbeitungsbetriebe für Elektronikschrott registriert und die jeweils dort bearbeiteten Mengen dokumentiert werden.
Gleichzeitig werden einheitliche Standards für die Behandlung von Elektronikschrott gefordert. Das Registrierungssystem soll von den Produzenten der Elektronikgeräte im Rahmen der Produzentenverantwortung finanziert werden. Schließlich soll die Behandlung von Elektronikschrott nur noch durch registrierte Betriebe, die nach den geltenden Standards arbeiten, erfolgen dürfen. So werden die Abfallströme automatisch in das System gelenkt und die noch nicht registrierten Betriebe bekommen im Idealfall immer weniger Material. So sollen sie dazu gebracht werden, sich an dem System zu beteiligen und die dort geltenden Standards einzuführen. Damit würde letztlich ein gleiches Niveau für alle diese Dienstleister geschaffen und es könnte kaum noch Billigkonkurrenz geben, die niedrige Preise nur auf Kosten der Umwelt und geringer Arbeitsschutzmaßnahmen bieten kann.
Die Industrie fordert außerdem rechtlich verbindliche Verpflichtungen von Verarbeitungsbetrieben auf bestimmte Standards, die bei Verstößen auch geahndet werden können. So erhoffen sich die Unternehmen der Branche einen zusätzlichen Schutz gegen Billigangebote bei der Verarbeitung von Elektronikschrott, die ihnen heute das Leben schwer machen und das Geschäft durch Verlust erheblicher Mengen von Abfall verderben.

Ausstellung verschiedener Dienstleister aus dem Bereich Abfallwirtschaft und Behandlungstechnologie aus ganz Europa
Unternehmen können aber schon bei der Produktentwicklung dafür sorgen, dass Lieferanten bestimmte Umweltstandards einhalten und sich auch um Recyclingfragen kümmern. Möglich wird dies beispielsweise durch EPEAT, ein Umweltbewertungssystem für Lieferanten. EPEAT ist eines der einflussreichsten Bewertungssysteme weltweit und hat seinen Schwerpunkt im Bereich von PCs, Bildschirmen und bald auch Mobiltelefonen und Servern. Es ist in 42 Ländern aktiv, bald wird auch noch Indien dazukommen. EPEAT zertifiziert Lieferanten nach verschiedenen Umweltkriterien, zu denen auch die Berücksichtigung von Recyclingfragen schon bei der Konstruktion und Entwicklung (Design for End-of-Life) sowie ein Management der Rückgabe gebrauchter Produkte (End-of-Life-Management) zählen. Die Lieferanten müssen die Rücknahme ihrer Produkte organisieren und dafür sorgen, dass diese nur von verantwortungsvollen Recyclingbetrieben verarbeitet werden. Nach welchen Standards diese Betriebe arbeiten müssen, wird allerdings von EPEAT festgelegt. Für Recyclingbetriebe hat es natürlich Vorteile, nach den EPEAT-Kriterien zertifiziert zu sein, denn damit kommen automatisch Aufträge zu diesen Unternehmen, wenn Lieferanten aus dem EPEAT-Programm ihre Produkte zurücknehmen und entsorgen müssen. Dieser Markt hat heute weltweit bereits ein Volumen von mehr als 70 Milliarden US-Dollar. Dies zeigt wieder, wie global das Elektronikschrottgeschäft ist und um welche Marktvolumina es geht.
Batterien sind ein spezielles Thema beim Recycling von Elektronikschrott, da sie giftige und zum Teil gefährliche Chemikalien enthalten. Daher müssen spezielle Sammel-und Transportbehälter eingesetzt werden, um Gefahren beim und durch den Transport zu vermeiden. Auch hier sind Standards für die Behandlung der Batterien sehr wichtig. Auf Grund der hohen Reaktivität der enthaltenen Materialien sind die Anforderungen an die Recyclingbetriebe spezieller Art. Interessant ist die Tatsache, dass es in vielen elektronischen Geräten kleine Batterien gibt, die häufig irgendwo im Gerät verbaut sind. Wenn ein WEEE-Recycler nun diese Geräte shreddert, so wird er, manchmal ohne es zu wissen, zu einem Batterierecycler und muss teilweise viel strengere Standards beachten. Viele Betriebe tun das allerdings nicht, da ihnen die Situation nicht bewusst ist. Auch auf diese Gefahren wurde in einem Vortrag hingewiesen.
Die gesamte Recyclingindustrie befindet sich heute in einem Spannungsfeld zwischen Regulierung, Vorschriften und Standards einerseits und Technologieinnovation andererseits, um ein Maximum der Inhaltsstoffe aus Elektronikschrott zurückzugewinnen. Neue Lösungen und der Mut zu unkonventionellen Wegen sind notwendig, um diese Herausforderung zu bewältigen. Genau dies vermittelte auch Dr. Bertrand Piccard, einer der beiden Initiatoren des Solar Impulse Project.
So wie er und sein Partner André Borschberg die Vision einer Erdumrundung mit einem rein solar angetriebenen Flugzeug in vielen kleinen Schritten Realität werden lassen, so sollen auch die Mitglieder der Recyclingindustrie eine tragfähige Vision entwickeln und dann in kleinen Schritten umsetzen. Da Recycling unverzichtbar ist und es zukünftig noch mehr sein wird, müssen diese Lösungen gefunden werden.
Das vielfältige Vortragsprogramm und die Ausstellung wichtiger Dienstleister aus verschiedenen Bereichen der Abfallwirtschaft wurden durch eine gelungene Abendveranstaltung abgerundet. Hier konnten bei Brezeln, Bier und Musik weitere Kontakte geknüpft oder vertieft werden.
Text zum Titelbild: Dr. Bertrand Piccard bei seinem Vortrag über das Projekt Solar Impulse und über den Zusammenhang seiner Vision von der Überschreitung technischer Grenzen und der Notwendigkeit von Visionen für neue Lösungen im Bereich des Recyclings