Von Rüdiger Maas
Neue Erfindungen sind für unsere gesellschaftliche Entwicklung der treibende Motor. Jüngste Innovationen der Technik leisten einen wichtigen Beitrag zu unserer stetigen Weiterentwicklung. Fahrerassistenzsysteme retten täglich Leben und intelligente Prothesen bieten Betroffenen eine höhere Lebensqualität. Ist es aber möglich, solche Erfindungen in Zukunft noch besser und effizienter zu gestalten?
Technologien verbessern sich und mit ihnen steigen die Anforderungen der Nutzer. Daher wird die Geschwindigkeit des Entwickelns und vor allem des Weiterentwickelns immer mehr zunehmen. Unternehmen, die wirtschaftlich erfolgreich bleiben wollen, müssen sich dieser Herausforderung stellen. Kreative Entwicklungen sind somit Grundpfeiler für Unternehmen.
Ob Schreiner, Mechatroniker oder IT-Spezialist, Entwickler sind in nahezu allen Bereichen anzutreffen. Das kreative Entwerfen des Entwicklers ist ein komplexes Vorgehen, bei dem die einzelnen Abläufe nicht immer klar abgrenzbar und erfassbar sind. Die Entwurfstätigkeit ist ein Vorausdenken von etwas, das in solcher Form bisher noch nicht existiert hat. Darüber hinaus ist sie aber auch das Vorausdenken aller benötigten Unterlagen, Materialien, oder Zwischenschritte, derer es bedarf, um zum gewünschten optimalen Endergebnis zu gelangen.
Es bildet sich im Geiste des Entwicklers zu Beginn seiner Arbeit eine Art Vorstellung, was zu tun ist. Dieses Bild ist jedoch für den Denkenden oft nicht genau greifbar. Die einzelnen Definitionskriterien einer Entwurfstätigkeit, wie sie meist aufgeführt werden, können in diesem Stadium keineswegs alle erfüllt werden. Hier entsteht demnach bereits ganz zu Beginn des Schaffensprozesses das Problem, dass der Entwickler sich nicht sicher sein kann, wie die eigenen Ideen am besten realisiert werden können. Und genau an dieser Stelle muss dem Entwerfenden unter die Arme gegriffen werden.
Diese frühe Phase der Ideenentwicklung legt den Grundstein für das Endergebnis. Hier wird bereits bestimmt, ob und wie gut das gewünschte Ziel erreicht wird. Hierbei wird entschieden, wie kostenintensiv sich das weitere Vorgehen gestaltet. Das Hauptproblem dieser frühen Phasen ist die enorme gedankliche Belastung, denn die geistigen Kapazitäten des Menschen sind nun mal begrenzt. Unzählige Gedanken und
Ideen kreisen im Kopf des potenziellen Schöpfers. Es ist unmöglich, alles so miteinander zu verknüpfen oder zu ordnen, dass die beste Lösung herausgefiltert werden kann. Konkrete Unterstützung kann hier so einfach wie auch effektiv sein: Das Aufschreiben dieser Gedanken und die Visualisierung der entsprechenden Zusammenhänge führen zu einer Denkentlastung, schützen somit vor Vergessen und schaffen Raum für neue Ideen und Perspektiven. Außerdem können Denkfehler besser erkannt werden und es fällt leichter, eine effiziente Vorgehensweise zu wählen. Diese Hilfestellung trägt zusätzlich dazu bei, dass der Problemkern erfasst wird.
Zu wissen, wo genau das Problem liegt, ist der beste Ansatz und erste Schritt um kreativ sein zu können. Dies erfordert vom Kreativen neben aller gedanklichen Freiheit vor allem auch die Strukturierung der Gedanken, der Ideen und der eigenen Vorgehensweise. Für die Struktur der Ideen und des Prozesses ist es sehr hilfreich, Checklisten und Fragesysteme zu bearbeiten. Das laute Sprechen mit sich selbst hat einen ähnlichen Effekt. Die eigene Aussprache führt zu einer genaueren Begutachtung des Inhalts, wodurch Fehler schneller entdeckt werden.
Die Diskussion mit Anderen bietet die Möglichkeit, neue Ideen zu sammeln, zu ergänzen und zu erweitern. Außerdem werden die eigenen Gedanken einer Prüfung unterzogen. Hierbei müssen drei Varianten unterschieden werden: Erstens kann ein Austausch mit Personen der eigenen Berufsgruppe und des eigenen Spezialgebiets stattfinden, was vor allem eine genaue Begutachtung ermöglicht. Zweitens besteht die Möglichkeit, sich mit Leuten der eigenen Berufsgruppe, aber eines anderen Spezialgebiets, zu unterhalten. Hierdurch wird oft ein Blick über den Tellerrand hinaus erworben. Drittens ermöglicht ein Gespräch mit einer vollkommen fachfremden Person komplett neue Einblicke. Dabei sollte mit der Darstellung des Ziels begonnen werden. Der Gesprächspartner kann dadurch alle folgenden Erklärungen besser nachvollziehen und eventuelle Denkfehler aufdecken.
Skizzen und einfache Modelle führen neben der Fehlererkennung oft dazu, dass mehrere Sinne wie das Sehen und Fühlen eingebunden werden und ein Umdenken angestoßen wird. Gerade aber das Erklären einfachster Sachverhalte führt zu so manchem Geistesblitz. Oft werden dadurch eingefahrene Sichtweisen oder Schaffensblockaden aufgelöst, da eine zweite oder dritte Perspektive das Gesamtbild ergänzt und erweitert. Menschen nehmen mit verschiedenen Sinnen wahr und abhängig davon, welche Sinne eingebunden sind, geschieht in deren Kopf Unterschiedliches. Während eine Person an der Tankstelle ins Schwärmen gerät, weil sie ihr Lieblingsauto sieht, rümpft die andere die Nase, weil sie den Benzingeruch nicht mag. Das Betrachten des Problems von verschiedenen Blickwinkeln aus führt oft zu mehr kreativen
Gedanken.
Auch in Zeiten des computergestützten Konstruierens greifen immer noch viele Entwickler intuitiv zu Stift und Papier. Automationen, die dem Entwerfenden wichtige Arbeitsschritte lediglich abnehmen, führen langfristig allerdings zu einer Verschlechterung der Arbeitsqualität. Ein Fahranfänger, der das Autofahren nicht übt, wird sich auch nicht verbessern. Das Zerlegen in einzelne Teilschritte des Gesamtprozesses führt zu einer höheren beziehungsweise komplexeren Wahrnehmung als die gesamte Betrachtung des Ganzen. Dies gilt vor allem, wenn es um den kreativen Weiterentwicklungsprozess geht.
Wer sich die genannten Vorschläge zu Herzen nimmt, schlägt viele Fliegen mit einer Klappe. Er schafft ein optimales Umfeld, um so kreativ schaffend und erfolgreich tätig zu sein. Unnötige Schritte werden vermieden und Teilziele schneller erreicht. Kreatives Entwerfen ist also förderbar. Ein wesentlicher Baustein dabei ist es, die dahinter stehenden Menschen mit ihren inneren kreativen Prozessen zu verstehen und zu unterstützen.
Literatur
W. Hacker, P. Sachse: Entwurfstätigkeiten und ihre psychologischen Unterstützungsmöglichkeiten; In B. Zimolong, U. Konradt (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie, Themenbereich D, Serie III, Bd. 2: Ingenieurpsychologie, S. 671-707; Göttingen: Hogrefe. (2006)
L. Sagiv, S. Arieli, J. Goldenberg, A. Goldschmidt: Structure and freedom in creativity: The interplay between externally imposed structure and personal cognitive style; Journal of Organizational Behavior. 31(2009)8, S. 1086-1110
M. Schütze, P. Sachse, A. Römer: Unterstützungswert des Skizzierens im Entwurfsprozess; Forschungsbericht der TU Dresden, Institut für Allgemeine Psychologie, Biopsychologie und Methoden der Psychologie, Band 81, (2001)
Hintergründe zur neuen Rubrik in der WOMag – Über Rüdiger Maas
Technische Systeme und Maschinen so zu gestalten, dass Menschen sie sicher, einfach und effizient nutzen können, ist das grundlegende Ziel der Ingenieurpsychologie. So unterstützen zum Beispiel die Erkenntnisse der Wahrnehmungsorganisation und der visuellen Reizverarbeitung die Entwicklung moderner Anzeigen und Displays, Kenntnisse über die Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung beeinflussen die Gestaltung von Fahrzeuginnenräumen und die Analyse menschlicher Verhaltensweisen führt zur Optimierung von Arbeitsabläufen. Durch die stark zunehmenden Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine gewinnt diese Disziplin heute immer mehr an Bedeutung.
In dieser Rubrik erhalten Sie deshalb regelmäßig Einblicke in die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Anwendung der Ingenieurpsychologie.
Rüdiger Maas ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer der Maas Beratungsgesellschaft mbH. Diese bietet professionelle Beratung für Unternehmen und vereint in ihrem Beraterteam das Expertenwissen aus dem Bereich Psychologie mit Themen der Wirtschaft. Weitere Informationen finden Sie auf
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