Ressourceneffizienz – Fortschritt oder Stillstand?

Werkstoffe 10. 11. 2013
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Bericht vom World Resource Forum 2013 in Davos – von Marc Brunel

Bei durchwachsenem Wetter trafen sich über 400 Teilnehmer aus 53 Ländern vom 7. bis 9. Oktober zum Welt-Ressourcen-Forum in Davos, der höchstgelegenen Stadt der Alpen. So durchwachsen wie das Wetter waren auch die Themen und die Qualität der Vorträge. Die Teilnehmer kamen sowohl von Unternehmen als auch aus Forschungs­einrichtungen, öffentlichen Verwaltungen oder von Nichtregierungsorganisationen.

Zunächst stellt sich die Frage, was überhaupt Ressourceneffizienz ist oder besser, wann ein Land oder Unternehmen als ressourceneffizient bezeichnet werden kann. Dies genauer, objektiver und vergleichbarer zu machen, ist das Ziel derjenigen, die neue Indikatoren für Ressourceneffizienz entwickeln. Allerdings bergen komplizierte Methoden immer auch die Gefahr, manipulierbar zu sein, denn auch mit ausgefeilten Berechnungsverfahren ist nicht alles objektiv zu erfassen, vor allem wenn die Daten eine schlechte Qualität haben. Andererseits ist klar, dass ohne wenigstens einigermaßen objektive und klare Kriterien keine Vergleichbarkeit zwischen Ländern oder Regionen oder Städten besteht. Dann können sich Verwaltungen oder Regierungen sehr leicht aus der Verantwortung ziehen, denn sie können ja nicht verglichen werden.

Eine immer wieder im Zusammenhang mit Ressourceneffizienz genannte Forderung ist die Bekämpfung von Armut, denn nur mit einem gewissen Mindestmaß an Versor­gungssicherheit und Lebensstandard machen sich Menschen Gedanken um ihre Umgebung und um ihre Zukunft. Wenn sie nur um ihr Überleben kämpfen, spielen solche Themen keine Rolle. Daher sind ein geregeltes Einkommen, eine gewisse Sicherheit der Lebensumstände und ein Mindestmaß an Bildung die Voraussetzung, um beispielsweise Ideen für eine ressourceneffiziente Landwirtschaft oder Produktion überhaupt verstehen und dann auch umsetzen zu können.

Ein sehr interessanter und provokanter Gedanke zu den Ursachen des übermäßigen und vor allem in westlichen Ländern weiter anhaltenden Konsums wurde in Davos präsentiert: Das Anhäufen von materiellem­ Reichtum und von Konsumgütern wie auch Statussymbolen sei Ausdruck unserer permanenten Versuche, uns in der gesellschaftlichen Hackordnung in eine möglichst hohe Stufe der Bewertung zu heben und damit auch unsere Chancen bei der Wahl unserer Partner zu optimieren. Gegen diesen Gedanken lassen sich zweifellos verschiedene Einwände anführen, andererseits erinnern sich vielleicht einige noch an den Werbespot, in dem ein erfolgreicher Yuppie einem anderen Fotos vor die Nase legt und mit den Worten mein Auto, mein Haus, mein Boot gleich klarstellt, wer hier offensichtlich der Erfolgreichere sei. Solange wir uns von großen und teuren Konsumgütern beeindrucken lassen, solange wird nachhaltiger Konsum in unserer Gesellschaft keine Chance haben.

Viele Redner forderten nachhaltige Produkte und Dienstleistungen und wurden nicht müde, deren große Vorteile zu beschreiben. Natürlich sind die meisten dieser Vorteile intellektuell klar, dennoch würden viele wohl eher einen Ferrari als einen Kleinwagen fahren, wenn sie die freie Wahl hätten. Letztlich ist ein gesellschaftliches Umdenken notwendig, damit langlebige Produkte oder Dienstleistungen, die möglichst nur erneuerbare Ressourcen verbrauchen, erstrebenswert werden. Nachhaltige Produkte sind nicht nur langlebig, sondern auch reparaturfreundlich, womit zukünftig neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Diese fehlen dann zwar aufgrund der längeren Brauchbarkeit der Produkte beispielsweise in der Produktion, genau dies muss aber zu einer Neubewertung verschiedener Arten der Arbeit führen. Als Konsequenz daraus müssen sich dann auch die Entlohnungssysteme verändern und schon sind wir inmitten einer grundlegenden gesellschaftlichen Transformation.

Ein wichtiger Widerspruch einer nachhaltigen Produktgestaltung ist bisher jedoch nicht gelöst. Ein Produkt kann auch dadurch nachhaltiger gestaltet werden, dass teure oder problematische Metalle in geringerer Menge eingesetzt werden. Dies führt zu einer längeren Reichweite der vorhandenen Vorräte und erlaubt es, mehr Produkte zu erzeugen, wenn ein bestimmtes Material nicht verzichtbar ist. Andererseits wird dieses dann immer stärker verdünnt, so dass die Rückgewinnung aufgrund der immer weiter sinkenden Menge je Produkt technisch schwieriger und damit ökonomisch uninteressanter wird. So läuft die Optimierung der Produktionstechnik derjenigen der Recyclingtechnik davon und je nach Einzelfall könnten deutliche Verbesserungen der Produktionstechnologie das Recycling vielleicht sogar völlig zum Erliegen bringen.

Recyclingziele werden heute beispielsweise in der EU anhand des verarbeiteten Gewichtsanteils des Abfallmaterials festgelegt. Ein Vorschlag in Davos lautete, diese Ziele zukünftig anhand der Rückgewinnungsraten für verschiedene Metalle zu definieren. Damit könnte ein Anreiz auch für das Recycling von kleineren Fraktionen geschaffen werden. Um eine ausreichende Motivation für Recyclingbetriebe zu bieten, verschiedene Metalle zurückzugewinnen, wird vielleicht einmal in der Zukunft eine bestimmte Mindestmenge an Metall in den Produkten vorgeschrieben werden, sofern nicht eine vollständig neue Recyclingtechnik entwickelt wird, die auch mit Spuren von Metallen gut funktioniert.

Viele Unternehmen, die an Konzepten für Nachhaltigkeit arbeiten, sei es am Produkt selbst oder in der Produktion, sprechen nicht darüber, aus Angst, dass die Aktio­näre ein solches Verhalten nicht honorieren. Letztlich sind nachhaltige Strategien langfristig angelegt und laufen damit der heute üblichen kurzfristigen Sichtweise der meisten Aktionäre entgegen. Der Finanzsektor beeinflusst den Umgang mit Ressourcen, je nachdem, wofür Geld investiert wird. Allerdings koppelt er sich immer mehr von der Realität ab und schnelle Gewinne sind wichtiger als langfristige Strategien. Wir dürfen nicht vergessen, was in Davos gesagt wurde: Thermodynamik ist in Stein gemeißelt, Ökonomie ist auf Papier geschrieben. Wir haben immer die Wahl, neue Ideen über die Umsetzung einer materiellen Sicherheit zu entwickeln und auch das Maß dieser Sicherheit neu zu bestimmen. Dass sich langsam etwas ändert, zeigt sich beispielsweise auch darin, dass einige Unternehmen langfristig orientierten Anlegern eine höhere ­Dividende bieten.

Das heutige ökonomische System führt mit seinen Anreizen in die Irre, das erkennen immer mehr Menschen. Allerdings fehlt eine Alternative mit besseren Anreizen, welche nicht auch einen starken Konsumverzicht beinhaltet. Die Menschen wollen etwas für das Klima und gegen die Verschwendung von Ressourcen tun, aber gleichzeitig nicht auf die Annehmlichkeiten einer guten Ausstattung mit materiellen Gütern verzichten.

In verschiedenen Diskussionsrunden fiel immer wieder auf, dass von fast allen Referenten gebetsmühlenartig wiederholt wurde, was wir alles nicht oder viel weniger tun sollten. Im Vordergrund stand der erhobene Zeigefinger und der Blick auf Verbote­ und moralische Grundsätze, statt durch gute Beispiele zu zeigen, wie viel Spaß eine nachhaltige Lebensführung auch machen kann. Moralische Grundsätze sind zweifellos wichtig als allgemeine Basis gesellschaftlichen Handelns, aber erfolgreiche Beispiele können die Menschen viel besser motivieren als abstrakte Regeln und damit wird ihre Ansprache wesentlich leichter.

Fest steht, dass es heute schon viele gute Konzepte für Ressourceneffizienz gibt, die aber meist nicht zum Nulltarif zu haben sind. Entweder kosten sie tatsächlich Geld oder aber der Preis ist eine (scheinbar?) geringere Bequemlichkeit, sind scheinbar­ schlechtere wirtschaftliche Aussichten oder eine schlechtere Konkurrenzfähigkeit, vor allem am Weltmarkt. Mit solchen Argumen­ten wehren viele Regierungen oder Verwaltungen eine intelligentere Nutzung von Ressourcen ab. Daher wurde beim World Resource Forum auch diskutiert, wie sich Prozesse der effizienten Nutzung der Ressourcen trotz der genannten Widerstände­ praktisch implementieren lassen. Ist es sinnvoller, eine Koalition der Willigen zu schmieden und auch mit einer vergleichsweise kleinen Gruppe voranzugehen oder sollten lieber über die internationalen Gremien möglichst viele Länder ins Boot geholt werden, auch wenn dies noch sehr lange dauern könnte?

Dass generell ein Umdenken hinsichtlich unserer Art des Wirtschaftens notwendig ist, wurde immer wieder betont. Als eine Möglichkeit kam die so genannte Performance Economy zur Diskussion, in der eine maximale Verlängerung der Nutzungsdauer von Materialien jeder Art im Mittelpunkt steht. Das bedeutet aus heutiger Perspektive aber, in vielen Bereichen unseres Lebens mit gebrauchten Produkten oder Materialien umzugehen. Da wir seit vielen Jahrzehnten durch die Werbung für die verschiedensten Produkte gerade das Neue als spannend und positiv erleben und das Gebrauchte nur als Notlösung für die wirtschaftlich weniger leistungsfähigen Menschen unserer Gesellschaft, ist ein Wechsel zu einer solchen neuen Ökonomie auch mit einem längeren gesellschaftlichen Umlernprozess verbunden.

Ein anderes Konzept, das oft bemüht wird, ist die Kreislaufwirtschaft, in der Abfallstoffe eines Unternehmens oder einer Branche als Einsatzstoffe für die Produktion in anderen Unternehmen dienen. Das ist eine sehr elegante Idee, welche den Gedanken der ineinander verschlungenen Kreisläufe aus der Natur aufnimmt und auf unsere technisierte Gesellschaft übertragen möchte. Sie ist nicht neu und es gibt unter dem Stichwort der Industrial Symbiosis gut ausgearbeitete Konzepte. Allein, bisher ist die Anzahl der erfolgreichen Beispiele sehr begrenzt. Zwei der Ursachen sind leicht einzusehen: Erstens ist ein sehr breites Wissen über Anfall und Qualität von Stoffströmen über Branchen und Regionen notwendig, um passende Unternehmen zu finden, die wirklich profitieren können. Zweitens sind viele unserer technischen Prozesse sehr stark auf die Qualität der Eingangsstoffe ausgerichtet und Schwankungen dort können zu gravierenden Problemen in der Produktion führen. Vor allem sind die Produktionsprozesse in vielen Fällen nicht so flexibel und fehlertolerant, dass sie die Schwankungen selbst ausgleichen könnten. Dadurch wird für die Unternehmen die Umsetzung des Kreislaufkonzeptes zum Risiko für ihre Produktion, das viele dann doch nicht eingehen wollen.

Insgesamt war des Öfteren eine große Kluft zwischen den politischen Statements, auch denen von Vordenkern wie Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker, und den Anforderungen praktischer Umsetzung von Projekten auszumachen. Diese erfordert oft einen Wechsel im Verhalten, den man gesellschaftlich schwer erzwingen und oft noch nicht einmal mit finanzieller Unterstützung beschleunigen kann. Vielmehr sind hier gesellschaftsweite Diskussionen notwendig, die über eine längere Zeit hinweg Einstellungen verändern können, wie wir es beispielsweise bei der Kernkraftdebatte erlebt haben.

Zu dieser Diskussion können Veranstaltungen wie das World Ressource Forum beitragen. Allerdings drängt sich der Eindruck auf, dass wir für die Kommunikation von neuen Ideen und Konzepten hochkarätige Kampagnen brauchen, die alle Mittel moderner Werbung nutzen, um die Inhalte in die Köpfe möglichst vieler Menschen zu tragen.

 

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