Tour für die Ausbildung

Werkstoffe 10. 08. 2013

Mitglieder des britischen Unternehmerverbandes für Oberflächentechnik nehmen Einblick
in das deutsche Ausbildungsmodell

In Deutschland ist vor allem in den technisch-gewerblichen Berufen der Bedarf an jungen, qualifizierten Nachwuchskräften groß. Doch das fehlende Image, aber auch die körperliche Arbeit schrecken viele Jugendliche davon ab, nach der Schulausbildung in einen technischen Beruf einzusteigen. Davon betroffen ist auch die Oberflächentechnologie in allen ihren Variationen. So übersteigt die Nachfrage nach Oberflächenbeschichtern nach wie vor das Angebot. Entsprechende Klagen von Unternehmen sind seit Jahren zu vernehmen.

Dabei wird aber oft vergessen, dass die Situation für Fachbetriebe in den meisten Ländern weitaus schwieriger ist. Das deutsche Ausbildungssystem bietet im Berufsbild Oberflächenbeschichter einen Lehrberuf, der in der Regel zu gut qualifizierten Fachleuten führt – ebenso wie in nahezu allen anderen Fachbereichen, in denen deutsche Unternehmen aktiv sind. Von einem solchen Zustand können Unternehmen in anderen Ländern der Welt nur träumen.

Die Surface Engineering Association (SEA), mit Sitz in Birmingham – Dachverband für Unternehmen im Bereich der Oberflächentechnik für die gesamte Industrie – will diesen Nachteil jetzt beseitigen und strebt an, einen Ausbildungsberuf nach deutschem Muster einzurichten. Im Rahmen einer dreitägigen Tour, organisiert vom SEA-Geschäftsführer Dave Elliot, haben sich Mitglieder des Verbandes in verschiedenen Ausbildungseinrichtungen einen Überblick über die Ausbildungssituation in Deutschland verschafft. Begleitet wurden sie dabei von Dipl.-Ing. (FH) Charlotte Schade und Dipl.-Ing. (FH) Herbert Käszmann, den Herausgebern der WOMag. Vom 21. bis 23. Mai besuchten sie Ausbildungseinrichtungen unterschiedlicher Bildungsgrade, von der gewerblichen bis zur universitären Stufe.

Grundausbildung

Die erste Stufe der Ausbildung zum Oberflächenbeschichter erfolgt in fachlich darauf eingerichteten Berufsschulen. Da die Zahl der Auszubildenden mit etwa 200 bis 300 relativ gering ist, ist der Einzugsbereich der Schulen relativ groß und der Ausbildungsinhalt wird in Form von Blockunterricht vermittelt. Derzeit gibt es hierfür vier Schulen in Nürnberg, Schwäbisch Gmünd, Solingen und Zwickau.

An der Schule in Nürnberg konnten sich die Mitglieder des SEA über den Aufbau des theoretischen und praktischen Unterrichts informieren. Dr. Wolfgang Kießling, TÜV Rheinland Akademie GmbH, Leiter KompetenzZentrum Oberflächentechnik, erläuterte die Inhalte der Ausbildung zum Oberflächenbeschichter, die seit einigen Jahren die frühere Ausbildung des Galvaniseurs ersetzt hat. Die heutige Ausbildung befasst sich auch mit den Bereichen der Dünnschichttechnik, des Anodisierens und des Feuerverzinkens. Des Weiteren werden Inhalte des Verfahrensmechanikers für Beschichtungstechnik gelehrt, die das Beschichten mit organischen Stoffen sowie das Oberflächenhärten einschließen. Bei dem klassischen dualen Ausbildungssystem ist es erforderlich, dass der Auszubildende in einem Lehrverhältnis bei einem Unternehmen in einem der genannten Fachbereiche steht. Schule und Lehrbetrieb übernehmen die Vermittlung der Inhalte, wobei die Schule in der Regel für die theoretischen Inhalte zuständig ist. Dies umfasst, wie in nahezu allen Lehrberufen, auch Grundlagenfächer wie Mathematik, Physik und Chemie, aber auch Ergänzungen in deutscher Sprache oder betriebswirtschaftliche Grundlagen.

Erschwerend auf die Ausbildung wirken sich zum einen große Diskrepanzen in der Vorbildung der Auszubildenden aus, die zwischen Grundschulabschluss und Abitur liegen. Auf der anderen Seite birgt auch die Zusammenfassung der unterschiedlichen Arbeitsbereiche in den Lehrbetrieben – galvanische Beschichtung, Feuerverzinken oder Lackieren – Schwierigkeiten, da die Schulen nur bedingt den Stoff in der Praxis vermitteln können.

Die Schulausbildung erfolgt im Blockunterricht, um die Zeit für die Anreise zwischen Wohn- und Schulort effektiv zu gestalten. Die Schüler sind während der etwa sechs Wochen dauernden Unterrichtsphasen in Schülerwohnungen untergebracht. Die gesamte Ausbildung erstreckt sich über drei Jahre und endet mit der Gesellenprüfung unter Leitung der Handwerkskammer (Ausbildungsbereich Handwerk) oder der Industrie- und Handelskammer (Ausbildungsbereich Industrie und Handel). Der Abschluss ist bundesweit anerkannt.

Im Bereich der Galvanotechnik und des Anodisierens ist die Schule in Nürnberg aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte sehr gut mit Anlagen und Geräten ausgestattet. So lassen sich mechanische Vorbehandlungen wie Schleifen, Polieren oder Strahlen durchführen. Das Entfetten wird in heute üblichen wässrigen Reinigungsmitteln durchgeführt; anschließend können verschiedene Vorbehandlungen, chemische und galvanische Abscheidungen sowie Nachbehandlungen bis zum Lackieren vorgenommen werden. Außerdem steht ein umfangreiches Sortiment an Messgeräten zur Überwachung der Beschichtungsmedien und der hergestellten Beschichtungen bereit. Ein Novum ist die sehr große Prüfkammer zur Durchführung von Korrosionstests mit mehreren Kubikmetern Volumen.

Besuch der SEA-Delegation aus Birmingham bei der TÜV Rheinland Akademie GmbH, Kompetenzzentrum Oberflächentechnik

Dave Elliot (links) vom SEA bedankt sich bei Dr. Wolfgang Kießling

 

In Ergänzung zur Grundausbildung ist die Weiterbildung zum Meister sowie die Ausbildung zum Techniker im Bereich der Galvano- und Oberflächentechnik in Nürnberg möglich. Die Weiterbildung zum Meister erfolgt berufsbegleitend, in der Regel mit Unterrichtseinheiten am Abend und Wochenende, und endet mit der Meisterprüfung vor der Handwerkskammer. Die Ausbildung zum Techniker wird in Vollzeit angeboten und dauert zwei Jahre. Der Abschluss zum Techniker erfordert die erfolgreiche Teilnahme an einer theoretischen und praktischen Abschlussprüfung.

Sowohl die Zusatzausbildung zum Meister als auch zum Techniker ist in Betrieben der handwerklichen und industriellen Oberflächentechnik sehr gefragt. Dadurch sind die Marktchancen der Absolventen sehr hoch. Der Einsatz der Absolventen erstreckt sich nahezu auf alle Produktionsbereiche der Werkstoffe Kunststoff und Metall. Durch die Dünnschichttechnologie erweitert sich das Arbeitsgebiet zudem auf Keramiken oder Glas. Entsprechend gut ist auch das Lohnniveau der entsprechenden Fachleute. Die Besucher aus England zeigten sich vom Umfang der Ausbildungsinhalte und der guten Ausstattung der Schule sehr beeindruckt. Zugleich erhielten sie in Nürnberg ein nahezu vollständiges Bild der gewerblichen Aus- und Weiterbildung, zumal der TÜV Rheinland in Nürnberg auch berufsbegleitend Seminare unterschiedlicher Art anbietet.

Akademische Ausbildung

Im Bereich der akademischen Ausbildung standen die Hochschule Aalen – Technik und Wirtschaft (die ehemalige Fachhochschule Aalen) und die Technische Universität Ilmenau auf dem Besuchsprogramm der SEA-Delegation.

Die Hochschule Aalen nimmt im Bereich der Oberflächentechnik eine Sonderstellung ein. Zum einen ist die HTW Aalen eine der ältesten Fachhochschulen Deutschlands, zum anderen die mit der stärksten Konzentration auf Galvanotechnik. Prof. Dr. Ernst Raub zählte nicht nur zu den wichtigsten wissenschaftlichen Größen der Galvanotechnik – er war über lange Jahre Leiter des Forschungsinstituts für Edelmetalle und Metallchemie in Schwäbisch Gmünd –, sondern er war auch Mitgründer der Fachhochschule Aalen, die unter anderem mit dem Bereich Oberflächentechnik und Werkstoffkunde mit einem Schwerpunkt Galvanotechnik vor mehr als 50 Jahren ihren Lehrbetrieb aufnahm. Und schließlich ist die heutige HTW Aalen der einzige Fachbereich, bei dem neben der Galvano- und Oberflächentechnik Werkstoffkunde als paralleler Schwerpunkt für die Studenten angeboten wird. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass Kenntnisse in Werkstoffkunde für eine hochqualitative Oberflächenbehandlung unabdingbar sind.

Prof. Dr. Timo Sörgel gab den SEA-Mitgliedern einen Einblick in die heutigen Inhalte des Studiengangs, der inzwischen stark an den Fachbereich Maschinenbau angegliedert wurde und heute unter der Bezeichnung Neue Materialien geführt wird. Der Studiengang verfügt derzeit etwa über 20 bis 30 Studenten pro Semester. In immer stärkerem Maße wird darauf geachtet, dass die Studenten im Laufe ihres Studiums Auslandsvorlesungen beziehungsweise auch Vorlesungen an anderen Hochschulen absolvieren. Das Studium ist auf ein Praxissemester und acht Vorlesungssemester ausgelegt. Abgeschlossen wird mit einer Master- oder Bachelorarbeit, für die etwa sechs Monate veranschlagt sind.

Prof. Dr. Timo Sörgel (li.) gibt Einblicke in die akademische Ausbildung an der HTW Aalen, Fachbereich Oberflächentechnologie/Neue Materialien

Dave Elliot dankt Prof. Dr. Timo Sörgel für die Präsentation

 

Im Studium wird in umfangreichem Maße in den verschiedenen Laboratorien von der galvanischen Abscheidung, über die Korrosionsverfahren, die Werkstoffkunde bis hin zur Werkstoffprüfung praktisch gearbeitet. Vor allem die Berührung mit der praktischen Tätigkeit in den Labors und im Praxissemester verschaffen den Absolventen aus Aalen hervorragende Chancen am Arbeitsmarkt. Auch hier liegen die Einsatzmöglichkeiten in nahezu allen Produktionsbereichen der Industrie, des gewerblichen Handwerks, aber auch in der Forschung- und Entwicklung oder dem Dienstleistungsbereich. Die Ausstattung der Laboratorien wurde von Dr. Sandra Meinhard den Mitgliedern der SEA-Delegation bei einem Rundgang erläutert.

Mit dem Fachgebiet Elektrochemie und Galvanotechnik verfügt die Technische Universität Ilmenau über eine Besonderheit. So unterstützt die deutsche oberflächentechnische Industrie über den Zentralverband Oberflächentechnik e. V. (ZVO) die Stiftungsprofessur für Elektrochemie und Galvanotechnik, die von Prof. Dr. Andreas Bund besetzt wird. Damit sollen neben der akademischen Ausbildung auch Forschungs- und Entwicklungsprojekte der Galvanotechnik betreut und vorangetrieben werden.

Prof. Dr. Bund stellte den SEA-Mitgliedern seinen Lehrstuhl vor und gab einen Einblick in die derzeit laufenden Forschungsaktivitäten. Diese sind beispielsweise auf Forschungen an neuen Batteriesystemen, verbesserte Korrosionsprüfungen oder Weiterentwicklungen bei Dispersionsabscheidungen ausgerichtet. Das Institut von Prof. Dr. Bund legt bei den Forschungen großen Wert auf eine internationale Ausrichtung, die sich unter anderem in einem hohen Anteil internationaler Studenten und Doktoranden bemerkbar macht. Für die Forschungsarbeiten verfügt die TU Ilmenau über gut ausgestattete Laboratorien, die die Delegation aus England in Augenschein nehmen konnte.

Prof. Dr. Andreas Bund (Mitte) stellte die Inhalte des Studiums und Forschungsschwerpunkte an der TU Ilmenau vor; bei einem Rundgang durch die Laboratorien des Instituts konnten sich die Besucher aus Großbritannien einen Eindruck von den vorhandenen Gerätschaften machen (obere Bilder)

 

Verbindungsglied zwischen Ausbildung und Anwendung

Als Verbindungsglied zwischen Forschung, Ausbildung und Anwendung kann die Innovent e. V. in Jena gesehen werden, die als letzte Station der Rundreise besucht wurde. Die Innovent e. V. ist eine gemeinnützige, industrienahe Forschungseinrichtung mit derzeit etwa 160 Mitarbeitern, wie der geschäftsführende Direktor Dr. Arnd Schimanski erläuterte. Die Einrichtung ist vor allem in den drei Bereichen Oberflächentechnologie, Biomaterialien sowie magnetische und optische Systeme tätig. Ergebnisse der Fachbereiche werden als Auftragsforschung klein- und mittelständischen Unternehmen aber auch der Großindustrie in Form von Produkten, Technologien, Patenten und ­Lizenzen zur Verfügung gestellt.

Darüberhinaus übt Innovent seine Funktion als Bildungsträger im Raum Jena in Zusammenarbeit mit der Universität und der Fachhochschule Jena aus. Über 100 Doktoranden, Diplomanden und Studenten bearbeiteten Themen zu Promotionen, Diplom- und Semesterarbeiten. Zudem bietet die Einrichtung zahlreiche Weiterbildungsangebote für die Industrie an, unter anderem in den verschiedenen Sparten der Werkstoffbearbeitung oder der Oberflächenbehandlung. Innovent ist auch in verschiedenen Netzwerken und Cluster aktiv. Die jährlich stattfindenden Thementage Grenz- und Oberflächentechnik (ThGOT) sowie Veranstaltungen des Anwenderkreises Atmosphärendruckplasma (ak-adp), der sich mit den Möglichkeiten der Funktionalisierung mittels Plasmen beschäftigt, verzeichnen mehr als 600 Interessenten.

Kontakte knüpfen

Den Besuch der SEA-Delegation, die als Vertretung der englischen Unternehmen im Bereich der Oberflächentechnik, vergleichbar mit dem ZVO in Deutschland, gesehen werden kann, nutzte Dr. Malte Zimmer von der Eupoc GmbH, um weitere Interessenten für die anstehende Gespräche auf EU-Ebene im Zusammenhang mit REACh zu gewinnen. Dazu gab er einen Überblick über den Stand der Aktivitäten zur zukünftigen Verwendung von sechswertigem Chrom für die galvanotechnische Industrie.

Dr. Malte Zimmer von Eupoc

 

Er führte aus, dass die deutsche Behörde BAuA Chromtrioxid priorisiert und dazu im Anhang XV-Dokument ein hohes Risiko für die Mitarbeiter in der Galvanotechnik angegeben hat. Daraus ergibt sich die Situation, dass für Chromtrioxid auf dem Anhang XIV und aufgrund des genannten Risikos für die Galvanotechnik explizit keine Ausnahme nach Artikel 58(2) REACh-Verordnung vorgesehen ist.

Andererseits kann aber der Vecco in Zusammenarbeit mit Eupoc zweierlei beweisen:

  • Die von BAuA angegebenen Daten sagen das Falsche aus
  • Aus offiziellen und öffentlichen Daten der BAuA geht hervor, dass in den Jahren 2008 bis 2010 lediglich ein auf Chromtrioxid zurückzuführender Berufskrankheitsfall (Lungenkrebs) in der Galvanotechnik anerkannt worden ist. Im gleichen Zeitraum traten in Deutschland rund 150.000 Lungenkrebsneufälle auf. Hieraus folgt schlüssig, dass die Schutzmaßnahmen in der Galvanotechnik das Risiko beherrschen und selbst ein Verbot keine wesentliche Änderung herbeiführen würde. Diese Tatsache hätte bei der Aufnahme in den Anhang XIV zu einer Ausnahme führen müssen, wie sie für die Verpackungsindustrie bezüglich der Phthalate auch explizit eingeführt worden ist.

Die Juristen aus Brüssel schätzen dieses zweite, allgemeinverständliche, auf einfachen, allgemein zugänglichen und von der BAuA selbst erhobenen Daten beruhende Argument für schlagend. Damit würde die Galvanotechnik als solchen ausgenommen werden, was als umwälzend angesehen werden kann.

Fazit

Die Tour durch die deutsche Landschaft der Aus- und Weiterbildung im Bereich Oberflächentechnik lieferte den Kollegen aus Großbritannien eine Fülle an Anregungen und Ideen, um die richtigen Maßnahmen für eigene Aktivitäten zu treffen. Am Ende der Arbeit sollte es möglich werden, dass auch die englischen Unternehmen aus einem stetig wachsenden Pool an Fachleuten ihren Bedarf decken und sich dabei auf einen einheitlichen Standard an Grundwissen verlassen können.

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