REACh und Chrom(VI) –Ökologie, Ökonomie, Substitution und Kommunikation

Oberflächen 07. 03. 2021

Von Marita Voss-Hageleit, Arnsberg

Die Verwendung von Verbindungen des sechwertigen Chroms in der Galvanotechnik unter den Auflagen der europäischen Chemikalienverordnung REACh stellt die Unternehmen der Galvanotechnik vor die Herausforderung, ökologische und ökonomische Aspekte in ein optimales Verhältnis zu bringen und gleichzeitig die Anforderungen nach dem bestmöglichen Schutz von Mensch und Natur zu erfüllen. Dazu sind technische Entwicklungen notwendig, um alternative Produkte mit geringerem Gefahrenpotenzial zu erhalten. Dieses Ziel macht es auch erforderlich, in stärkerem Maße mit allen Teilnehmern der Prozesskette – vom Ausgangsmaterial bis zum Endprodukt – einen intensiven Meinungsaustausch zu betreiben.

1 Ökologie

Wenn die Europäische Union von Green Deal spricht, meint sie nicht zuletzt den Transfer von einer allein ökonomisch orientierten Wirtschaft hin zu einer ökonomisch-ökologischen Zukunft, die auch in Deutschland spannend wird. Ein deutscher Politiker hat das so kommentiert: Es wäre ein spannendes Zukunftsthema, das Inspiration bieten könnte, weil es die ganz große Frage unserer Zeit in den Blick nimmt: die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie. Ökonomie bedeutet in diesem Zusammenhang nicht die Verhinderung von Ökologie, sondern die Verschmelzung der Interessen dieser beiden Bereiche; etwas, das unsere Vorfahren bis in das 20. Jahrhundert hinein gelebt haben. Simpel ausgedrückt, alles wurde verwertet, nichts kam auf den Müll.

Heute wird das als Ressourcenschonung bezeichnet. Wir können uns ein Beispiel an der Vergangenheit nehmen. Intelligente Lösungen könnten ermöglichen, dass wir durch sparsame Verwendung der Rohstoffe und optimierte Recyclingsysteme das, was unser heutiges Leben bequem und sicher macht, weiterhin nutzen können und wir in ­Europa (ebenso wie in der übrigen Welt) auch in 50 bis 100 Jahren noch über diese Ressourcen verfügen können. Vor allen Dingen vor dem Hintergrund, das vielleicht am Ende dieses Jahrhunderts zehn Milliarden Menschen auf dem einzigen Planeten leben, den wir haben. Die ab dem Jahr 2000 geborenen (heutige Neuwähler) werden sicher das Jahr 2100 in großer Anzahl erleben wollen. Ressourcenschonung reduziert außerdem automatisch auch die Emission an Kohlenstoffdioxid und schützt damit das Klima.

Diese Betrachtung hat auch einiges mit Galvanotechnik zu tun; dieser Technologiebereich ist durch Aktivitäten der Europäischen Union und speziell der Chemikalienverordnung in hohem Maße zu Anpassungen beziehungsweise der Suche nach Alternativen aufgefordert. Die Galvanotechnik hat seit ihren Anfängen Materialien vor Korrosion und damit vor zu frühem Verfall geschützt und außerdem dazu geführt, Materialien gebrauchsfähig zu machen – hat also auch von Beginn an die Schonung von Ressourcen gelebt.

Galvanotechnik war und ist – in der öffent­lichen Wahrnehmung – aber immer noch mit dem Merkmal giftig verbunden. Die in den Anfängen vereinzelt aufgetretenen Krankheiten und Todesfälle aufgrund der Arbeit sind in den letzten 100 Jahren durch die intensive Arbeit der Berufsgenossenschaften und der sie tragenden Unternehmerschaft erheblich reduziert worden. Und nicht erst seit REACh ist die Sterblichkeit bei den Mitarbeitern der Galvanotechnik nicht höher als in der Gesamt­bevölkerung (ohne Kontakt zu galva­notechnischen Einrichtungen).

Es gibt zwei wichtige Substantive im Zusammenhang mit der zukünftigen Nutzung: ­Toxizität und Ressource. Daraus erwächst für die Galvanotechnik unter anderem folgende wichtige Frage:

  • Wie können die Nutzung von Chromtrioxid (wo eine Alternative nicht vorhanden ist) auch unter dem Kontext Ressourcenschonung, Nachhaltigkeit und Recyclingfähigkeit zukünftig sichergestellt und gleichzeitig Mitarbeiter- und Umwelt vor der Substanz geschützt werden?

Die europäische REACh-Verordnung hat in seiner Auswirkung alle Unternehmen im Fokus, die in irgendeiner Form Chemikalien verwenden und möchte den Weg der Chemikalien von der Gewinnung beziehungsweise Herstellung bis zum Endverbraucher kennen, bewerten und (wenn nötig) zulassen oder beschränken. Im Prinzip ein lobenswertes Ziel mit einem richtigen Ansatz, aber das Beispiel Chrom(VI) zeigt auf, dass gerade dieser Stoff durch seine enorme Verbreitung und Verarbeitung in der globalen Welt nicht ohne weiteres ersetzt werden kann.

Die REACh-Verordnung hat allerdings bewirkt, dass

  • Alternativen weiterentwickelt worden sind, deren breite Umsetzung aufgrund der Anforderungen an die Produkte bis jetzt noch nicht vollumfänglich erreicht worden ist
  • die Anforderungen, die bei der ­Umsetzung der Zulassung an die sogenannten Down­stream-User (= galvanotechnisches Unternehmen) gestellt werden, in Bezug auf Exposition und Emission den Arbeits- und Umweltschutz nochmal auf ein höheres ­Niveau gesetzt haben
  • es sich gezeigt hat, dass die Forderung nach einer Alternative nicht einfach und schon gar nicht in kürzester Zeit ­umgesetzt werden kann. Substitutionsangebote gibt es vielfach; werden diese jedoch auf die Umsetzbarkeit im Kontext zwischen ökonomischen Machbarkeiten und Anforderungen der Kunden an das Produkt geprüft, so lautet das Resultat: Eine einfache Umsetzung ist nicht möglich!

Und damit kommt man zur Frage der Öko­nomie.

2 Ökonomie

Unternehmer zu sein, heißt vor allem, vorausschauend zu planen und zu ­handeln, das eigene Geschäft im Blick zu haben; gleichzeitig aber auch die äußeren Einflüsse ständig daraufhin zu beobachten, inwieweit sie Einfluss auf die eigene Tätigkeit haben. Unternehmen waren immer und zu jeder Zeit äußeren Einflüssen ausgesetzt, denen sie sich stellen mussten, seien es Marktveränderungen oder politische, regulative Bedingungen denen sie sich nicht entziehen konnten. Über diesen Zustand können Unternehmen klagen, aber klagen liegt normalerweise nicht in der DNA von Unternehmern. Was kann jetzt der Unternehmer tun, der einen galvanotechnischen Betrieb führt und sich den Herausforderungen der Zukunft ernsthaft stellen will?

Die Fragen der Marktbedingungen, Regulierungen wie zum Beispiel REACh, globale Entwicklungen, wechselnde Wettbewerbssituationen und die eigene Positionierung im Wettbewerb werden bei ehrlicher Einschätzung den Unternehmer zu ­Entscheidungen führen, die den Weg in die Zukunft klarer werden lassen. Seine eigenen Aufgaben im Kontext REACh, wie die Darstellung der Expositions- und Emissionswerte sowie die Erfüllung der in den Zulassungsdossiers erstellten Arbeitsbedingungen (WCS = Working Contribution Scenarios), wird ihm niemand abnehmen können. Auch eine wünschenswerte Entscheidung zu einer möglicherweisen Einstufung als Intermediate-Process wird höchstwahrscheinlich die gleichen Arbeits­­bedingungen erfordern.

Und damit kommen wir zur Frage der Alternativen und der Substitution.

3 Substitution

Zu allen Zeiten haben Menschen geforscht und entwickelt, um ihre Kenntnisse zu erweitern sowie das Leben besser und bequemer zu machen. Dabei hat sich unser Leben in den letzten 200 Jahren in einem nie gekannten Tempo entwickelt und die Möglichkeit, unseren wunderbaren, blauen Planeten inmitten einer kalten und lebensfeindlichen Umgebung zu sehen, hat unser Bewusstsein in den letzten 60 Jahren erweitert.

Treiber für viele Entwicklungen in der Geschichte der Menschheit war, zu überleben und das Leben bequemer zu machen. Hier sei nur beispielhaft das Rad und die Konservierung von Lebensmitteln genannt. Diese Entwicklungen dauerten Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende und standen wahrscheinlich immer unter dem Motto Versuch und Fehler (try and error).

Die Entwicklung hat sich extrem beschleunigt und hierbei viele Produkte hervorgebracht, die das Leben sicherer und bequemer gemacht haben. Viele Produkte waren hervorragend geeignet, hatten aber sehr unangenehme Nebenwirkungen, waren lebensbedrohend aber auch in geringen Dosen in der Dauerwirkung und im Zusammenhang mit anderen Substanzen krebserregend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend (englisch abgekürzt als CMR: cancerogen, mutagen, reprotoxisch).

Diese Stoffe zu substituieren und Alternativen zu finden, war und ist immer ein Thema für die Forschung. Sichere und günstigere Produkte sind vom Markt beziehungsweise den Menschen immer gerne aufgenommen worden. Der Übergang vom Pferd zum Auto mit Verbrenner-motor ist ein gutes Beispiel. Wir bewegen uns nun in der Transformation vom Verbrenner zum Elektromotor. Treiber war hierbei die Erkenntnis, dass die Verbrennung von fossilen Energien zur Anreicherung der Atmosphäre mit Kohlenstoffdioxid (CO2) führt, die unseren Planeten bei weiterer unbegrenzter Nutzung unbewohnbar machen wird.

Treiber für die Entscheidung der EU, durch die REACh-Verordnung war, nicht nur Kenntnis über die Lieferketten zu bekommen, sondern alle Stoffe, die in den Verkehr gebracht werden zu kennen, zu bewerten und gegebenenfalls zu beschränken oder deren Anwendung nur noch bei zuverlässiger und sicherer Nutzung zuzulassen, alternativ dazu (wenn möglich) zu substituieren. Chromtrioxid wurde als CMR-Stoff (CMR: cancerogen, mutagen, reprotoxisch ) identifiziert und mit dem Eintrag in den Anhang XIV als zulassungspflichtig deklariert. Vor allem die Verarbeitung in der galvanotechnischen Industrie und die Belastung der Mitarbeiter und der Umwelt stand hierbei im Fokus. Die Schaffung von Alternativen und die Substitution eines Stoffes führten und führen zu einer enormen Herausforderung.

Zum einen ist die abgeschiedene Substanz im Fall der Nutzung von Chromtrioxid nur noch reines Metall und ungiftig. Zum anderen werden die guten Eigenschaften der Oberfläche von den Anwendern nicht angezweifelt. Es gibt also vom Markt ausgehend nicht unbedingt Druck, eine Alternative zu finden, da es keine eigene Bedrohung durch die Toxizität gibt und außerdem keine 1:1-Möglichkeit einer Alternative. Substitution beziehungsweise die Suche nach Alternativen erfordert einen langen Atem und das Zusammenwirken von allen Akteuren. Der VECCO e. V. hat in Zusammenarbeit mit der eiffo eG das euro­päische Netzwerk vecco:net gegründet, um die galvanotechnischen Unternehmen bei ihrer Suche nach Alternativen zu unterstützen.

Und damit kommen wir zu Kommunikation in der Lieferkette.

4 Kommunikation in der Lieferkette

In der öffentlichen Diskussion und den Medien wird nicht zuletzt wegen Insta, Facebook und Co. von Informationsblasen gesprochen. Die jeweilige Blase kommuniziert innerhalb ihres eigenen Weltbilds und Akteure, die sich vorwagen, werden kritisch hinterfragt, da das Risiko besteht, dass das eigene Weltbild ins Wanken gerät und die Position der anderen Seite möglicherweise auch Wahrheiten enthält.

Auch hier findet sich eine Anknüpfung an die galvanotechnische Branche! Titel IV der REACh-Verordnung widmet sich ­ausführlich Informationen in der Lieferkette. Das ist ein anspruchsvolles Ziel in einer Branche, die es bisher nicht gewohnt war, mit den Markt­begleitern offen zu kommunizieren.

Alle Verordnungen, die von oben kommen, werden üblicherweise im ersten Moment hinterfragt und jeder hat in seiner Blase dafür Rechtfertigungen. Das gilt für alle Akteure im politischen Spektrum, angefangen bei den NGOs bis letztendlich hin zu den End­anwendern. In einer Welt die nun wirklich globalisiert ist, sich Viren von Ländergrenzen nicht beeindrucken lassen und die mit der Erderwärmung (die ebenfalls keine politischen Grenze kennt) zurzeit und zukünftig genug zu tun hat, scheinen solche Verhaltensweisen irreal; aber: Nichts ist so schwer zu überwinden, wie ein gepflegtes Vorurteil.

Die Möglichkeit, alle Akteure zu erreichen und eine offene, vorurteilsfreie Kommunikation darüber zu beginnen, kommt dem gordische Knoten gleich, der bekanntermaßen kaum aufgelöst werden kann. Aber vielleicht erreicht dieser Artikel den einen oder anderen, der damit zumindest den Versuch unternimmt, dieses ungelöste Problem zu lösen!

Anmerkung

Die Verfasserin dieses Artikels ist Gründungsmitglied des VECCO e. V. und seit dieser Zeit im Vorstand zuständig für die Finanzen. Ihre mehr als 30-jährige Tätigkeit als Geschäftsführerin in einem galvanotechnischen Unternehmen und die Herausforderungen, vor denen die Unternehmen zurzeit in der Branche stehen, hat sie zu diesem Artikel veranlasst, der ihre eigene, persönliche Meinung wiedergibt.

Text zum Titelbild: Kommunikation in der Lieferkette – Realität oder Illusion? (Bild: Voss-Hageleit / LKS)

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