Praxiszirkel Innovation: So werden Kunden zu Produktentwicklern

Oberflächen 10. 10. 2014
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Mit einem neuen Veranstaltungskonzept war saar.is Anfang September beim Beschichtungsspezialisten Gramm Technik in Neunkirchen zu Gast. In Form eines Workshops beschäftigten sich 16 Teilnehmer mit der Frage, wie sich Kunden und deren Bedarf dazu nutzen lassen, technische Innovationsideen zu entwickeln, zu bewerten und umzusetzen. Dabei wurde deutlich, dass nicht nur Großkonzerne die Methodik anwenden können. Auch für Mittelständler ist diese anwendbar, sofern sie in der Lage sind, den Kundendialog entwicklungsbezogen auf- und ausbauen.

Längst entstehen neue Produktideen nicht mehr nur in geheimen Forschungsabteilungen der Unternehmen. Neben dem praktischen Know-how der Mitarbeiter, die durch ihre betrieblichen Verbesserungsvorschlägen Unternehmen häufig hohe Beträge einsparen helfen, hat sich in den letzten Jahren eine weitere Quelle für Innovationen etabliert: der Kunde.

Wie diese Potenziale zu nutzen sind, zeigte kürzlich ein Workshop, den saar.is gemeinsam mit der Firma Gramm Technik GmbH in Neunkirchen durchgeführt hat. saar.is steht für saarland.innovation&standort e. V. und ist die Nachfolge-Dachmarke der früheren ZPT, der viele Jahre erfolgreich für die Unternehmen der Saarwirtschaft tätigen Zentrale für Produktivität und Technologie. Neben einem umfangreichen Dienstleistungsangebot, das sich an saarländische Unternehmen aller Branchen und Betriebsgrößen sowie Existenzgründer wendet, ist saar.is auch für das Saarland-Marketing verantwortlich. saar.is wird getragen und ­finanziert von der saarländischen Landes­regierung, insbesondere von der Staatskanzlei und vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr.

Mit der Veranstaltungsreihe Praxiszirkel Innovation gibt saar.is Impulse zum Thema Innovationsmanagement und moderiert praxisgerechte Austauschrunden zwischen den Teilnehmern. Ziel ist es, die kontinuierliche Produktentwicklung zu verbessern, die gerade im Mittelstand Basis für den Erfolg von morgen ist. Die Auftaktveranstaltung bei der Gramm Technik GmbH widmete sich der Fragestellung, wie kleine und mittelständische Unternehmen das Wissen und den Bedarf ihrer Kunden systematisch in die Produktentwicklung einbeziehen können. Techniker, Ingenieure und Geschäftsführer von saarländischen Unternehmen ganz unterschiedlicher Branchen konnten die Möglichkeiten und Methoden der Innovationsentwicklung auf Basis von Kundenideen in der Praxis kennenlernen.

Durch den Workshop führte Dr. Jörg Rupp. Rupp ist als Innovationsberater mit seiner Firma Dorucon Dr. Rupp Consulting seit Jahren in der Technologieförderung mittelständischer Unternehmen tätig. Neben dem Consulting liegt der Schwerpunkt der Arbeit in der Akquise von Fördermitteln, wo er unter anderem für das Programm ­go-inno zertifiziert wurde.

Rupp veranschaulichte zunächst anhand von konkreten Beispielen, wie die Branchenführer Daimler, Dell oder Tchibo die Kundenkreativität nutzen. Im Durchschnitt sind mehr als 170 Ideen erforderlich, um letztlich eine Innovation auf den Markt zu bringen. Während die Großen an die Innovationspotenziale ihrer Kunden systematisch herangehen, haben Mittelständler hier häufig immensen Nachholbedarf. So werden im Maschinenbau in der Schweiz zwar 35 Prozent aller Neuprodukte durch den Kunden initiiert, jedoch führt nur jedes zehnte Unternehmen überhaupt Kundenbefragungen und nur jedes hundertste Kundenworkshops durch. Vom regelmäßigen Dialog und Austausch mit dem Kunden können nahezu alle Phasen der Produktentwicklung profitieren.

Daneben stellte Jörg Rupp auch neue Ansätze wie etwa Communities oder Online-Ideenplattformen, wie zum Beispiel www.innocentive.com, vor, über die Jeder Zugang zum kreativen Potenzial Vieler hat.

Im zweiten Teil der Veranstaltung standen die Methoden im Mittelpunkt, mit denen Ideen gemeinsam mit Kunden entwickelt werden können. Hier kommen einerseits direkte Interviews, Fokusgruppen oder Umfragen zum Einsatz. Oder man analysiert quasi indirekt die Anfragen, die der Kunde zum Beispiel beim Kundendienst ­äußert und bewertet die dahinter stehenden Probleme. In allen Fällen sollten dabei die Kundengruppen nach sinnvollen Kriterien eingeteilt werden, um die Erfahrungen möglichst genau eingrenzen zu können.

Ein Praxisbeispiel, in dem eine Produkt­innovation direkt durch den Kundenbedarf angestoßen wurde, stellte Marcel Keidel, Niederlassungsleiter der Gramm Technik, vor. Im konkreten Fall ging es um die Oberflächeneigenschaften einer Leicht­metallfelge für Lkws. Diese sind neben den üblichen Witterungseinflüssen auch extremen physischen Belastungen ausgesetzt. Gramm wurde vom Felgenhersteller beauftragt, eine Beschichtung zu entwickeln, die hochkratzfest ist, starken mechanischen Einflüssen widersteht und zugleich die optischen Anforderungen an eine Aluminiumfelge erfüllt. Diese vom Kunden geäußerte Problematik führte bei Gramm zu einer aufwendigen Produktentwicklung mit vielen Testreihen. Letztlich entschied man sich für die Oberflächenveredelung mit einem Lack auf Nanobasis, der extrem geringe Schichtdicken ermöglicht und alle Kundenanforderungen erfüllt.

Um die komplexe und aufwendige Entwicklung finanziell als mittelständisches Unternehmen stemmen zu können, wurden für das Projekt Mittel aus dem Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) der Bundesregierung beantragt und schließlich auch bewilligt. So konnten 50 Prozent der anfallenden Kosten gefördert werden. Das Projekt befindet sich mittlerweile kurz vor dem Abschluss. Keidel ist überzeugt, dass auch viele weitere Ideen bei seinen Kunden schlummern: Der Nutzen von Kundenanforderungen zur Ableitung neuer Produktideen ist enorm. Gerade im Bereich der Oberflächentechnik könnten individuell entwickelte Projekte dazu beitragen, die ganze Branche weiterzubringen. Und mit Hilfe von Förderprogrammen könne auch ein Mittelständler diese Projekte häufig risikolos umsetzen.

Nach dem Erfolg der Auftaktveranstaltung wird saar.is die neue Veranstaltungsreihe 2015 fortsetzen.

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Dr. Jörg Rupp, Dorucon Dr. Rupp Consulting

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Marcel Keidel, Niederlassungsleiter der Gramm Technik GmbH

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