Professor Dr. Bucher hatte für den Experttable Oberflächentechnologien in der Medizintechnik Ende Juni das Thema der Förderprogramme für Forschung und Entwicklung vorgeschlagen und dafür Referenten gewonnen, die verschiedene Aspekte der Förderung beleuchteten. Christian Sassor von der Arbeitsgemeinschaft Medical Mountains wies eingehend darauf hin, dass die Medical Mountains AG interessiert daran ist, ein Netzwerk zum Thema Förderung speziell für kleine Unternehmen ins Leben zu rufen. Er sieht die Zusammenarbeit als ein wichtiges Element, um die oftmals langwierigen Vorarbeiten mit ihren zahlreichen Herausforderungen in der erforderlichen Intensität zu bewältigen. Dies hilft nach seiner Ansicht besonders deshalb, weil die hohe Zahl an kleinen und mittleren Unternehmen in diesem Bereich nur bedingt über personelle Ressourcen verfügt, um die weitverzweigten Einzelaspekte von Zulassungsverfahren abzudecken.
Einen Einblick in den Ablauf von Förderungsvorhaben gab Prof. Dr. Bucher, Leiter des Arbeitskreises Oberflächentechnik, Professor an der Hochschule Furtwangen und Abteilungsleiter am NMI Reutlingen. Als Beispiel nannte er das Entwicklungsprojekt eines kleinen Unternehmens zur Verbesserung der Beständigkeit der Membran einer Pumpe für Metalliclack. Die bisher eingesetzte Silikonmembran mit aufgeklebter PTFE-Folie war relativ schnell durch abrasiven Angriff der Metallpartikel ausgefallen. Gelöst wurde die Aufgabe durch eine Titanschicht von etwa 1 Mikrometer. Der angefallene Aufwand für die Entwicklung von etwa 13 000 Euro wurde zu circa 65 Prozent vom Land Baden-Württemberg getragen.
Ein weiteres Projektbeispiel war die Herstellung eines flexiblen Hybrid-Mikroimplantats, wie es zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt wird. Auch in diesem Fall konnte ein gefördertes Entwicklungsprogramm mit Unterstützung von Landesmitteln dazu beitragen, dass sich das Produkt inzwischen in der klinischen Vorprüfung befindet. Ein ähnlicher Verlauf ergibt sich für ein Implantat zur Steuerung von Muskeln für das Greifen. Prof. Bucher wies darauf hin, dass die derzeit stärker in Betracht kommenden ZIM-Projekte einfacher abzuwickeln sind, als BMBF-Projekte (ZIM = Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand).
Udo Sievers von i.con. innovation GmbH, Stuttgart, stellte das neue Netzwerk MedTec BW vor, mit dem sich i.con. beschäftigt. Einführend wies er darauf hin, dass sich vor allem ZIM-Netzwerke anbieten, da der Förderanteil im Vergleich zu anderen Projektarten sehr hoch ist. In der Medizintechnik sind vor allem die langwierigen und aufwendigen Zulassungsverfahren nachteilig bei der Einführung von neuen Produkten, insbesondere für junge Unternehmen. Das Unternehmen des Vortragenden unterstützt die Bildung und den Unterhalt von Netzwerken. Besonders zu betonen ist, dass das Netzwerkmanagement nicht nur bei der Antragstellung unterstützt, sondern den gesamten Prozess von der Ideenfindung bis zum Abschluss begleitet. Dies beinhaltet auch die Wahrung des Know-how-Schutzes von einzelnen Partnern im Netzwerk. Des Weiteren unterstützt das Netzwerkmanagement die Auswahl geeigneter Expertisen und Partner für die Verbundforschung mit Projektplanung, Budgetierung, Beantragung von Zuschüssen oder die Begleitung bei der Markeinführung von neuen Produkten und Verfahren.
Im Bereich der Oberflächentechnik liegen bei i.con. Erfahrungen aus dem Netzwerk WeGaNet vor. Auch hier war es notwendig, die Abwicklung des Projekts aktiv zu übernehmen. Vor allem kleine Unternehmen sind auf diese Unterstützung angewiesen, da sie für Entwicklungen nur selten über entsprechende Stabsstellen verfügen. Uwe Sievers betonte, dass die Schutz- und Verwertungsrechte bei den Industriepartnern des Netzwerks liegen. Im ZIM-Projekt WeGaNet sind aktuell 20 Projektpartner aktiv. Sie arbeiten an vier Forschungs- und Entwicklungsprojekten mit einem F&E-Volumen von etwa 7,5 Millionen Euro. Die Förderrate liegt aktuell bei etwa 60 Prozent.
Für viele Innovationsziele gibt es angepasste Förderungen, die von der Grundlagenforschung bis zur Markteinführung reichen. Je nach Art des Projektes liegen die Förderanteile zwischen 35 Prozent (niedrigste Quote in ZIM) und 100 Prozent (EU-FP7). Als derzeit attraktivstes Programm gilt ZIM, das einfach in Gang zu setzen und sehr praktikabel ist. Im Bereich Medizintechnik werden F&E-Projekte zur Biokompatibilität und Biofunktionalisierung in den Vordergrund gestellt. Für die Unternehmen verringerte sich nach Aussage des Vortragenden die Projektdauer bis zur Markteinführung deutlich.
Im zweiten Teil der Betrachtung ging Dr. Klaus Teichmann, ebenfalls von i.con., auf den Ablauf entsprechender Forschungs- und Entwicklungsprojekte ein. Einführend wies er darauf hin, dass im Bereich der Medizintechnik die aufwendige und zeitraubende Zulassung problematisch ist. Dazu hat i.con. die unterschiedlichen Arten an Projektarbeiten näher untersucht und charakterisiert. Daraus wurden Handlungsweisen entwickelt, wobei vor allem auf die Unterstützung durch Netzwerkkontakte Wert gelegt wird. Bei medizintechnischen Produkten wird bereits im Vorfeld darüber nachgedacht, welche Anforderungen zum Beispiel Kostenträger beim späteren Einsatz an ein Produkt stellen könnten oder werden (klinische Studien). Dies trägt erheblich zur Beschleunigung des Einsatzes von Medizinprodukten bei. Zudem werden vom Projektmanager nur die wirklich notwendigen Partner herangezogen, was einerseits die Kosten im Rahmen hält und andererseits aber auch den zeitlichen Rahmen beschränkt. Als wichtige Größe eines solchen Netzwerks gilt MedTec BW, über das eine große Zahl an Fachleuten herangezogen und auch so die Abwicklung beschleunigt wird.
Frank Schienle, RENA GmbH, gab einen Einblick in die Entwicklung und Herstellung von Anlagen zu nasschemischen Oberflächentechnologien wie sie seit einigen Jahren auch für die Herstellung von medizintechnischen Produkten angeboten werden. Neben den Produktionsanlagen für Oberflächentechnik nehmen auch Einrichtungen für die Wasseraufbereitung einen hohen Anteil ein. Hierbei wird häufig die Umsetzung von Becherglasprozessen in einen vollwertigen und oftmals vollautomatischen Fertigungsprozess gefordert. Als Prozessverfahren kommen dafür Reinigen, Beizen, Spülen, galvanische Beschichtung, Elektropolieren sowie Trocknen in Betracht. Für diese Technologien wurde eine Plattform entwickelt, auf der die Fertigungsanlagen aufgebaut werden. Dabei wird auch die Erfüllung aller regulatorischen Anforderungen und Qualifizierungen berücksichtigt.
RENA kommt bei der Herstellung von Anlagen zugute, dass langjährige Erfahrungen in die Reinraumtechnik für die Herstellung von elektronischen Bauteilen und Leiterplatten vorliegen. Das dort erzielte Know-how trägt erheblich dazu bei, die konstruktiven Grundlagen der Hygieneanforderungen zu erfüllen. Neben der Qualifizierung sind Reinigung und Wartung der Anlagen weitere Herausforderungen, die vom Anlagenhersteller erbracht werden müssen. Die Qualifizierung unterliegt den Auflagen der Maschinenrichtlinie und den GMP-Anforderungen. Als Dokumentation sind vor allem die Risikoanalyse neben dem Lastenheft, den verschiedenen Konstruktionsteilen und die unterschiedlichen Qualifikationen Grundlage für die Herstellung von Anlagen für die Medizintechnik. Das Vorliegen entsprechender Abläufe und der notwendigen, konstruktiven Bausteine beschleunigt die Vorarbeiten um deutlich mehr als 50 Prozent. Dazu wurde von RENA eine umfassende Software als Werkzeug entwickelt.
Als bereits umgesetztes Beispiel stellte Frank Schienle eine vollautomatische Anlage zur Beschichtung von Zahnimplantaten vor. Eine solche Anlage verfügt über eine außerordentlich umfangreiche Dokumentation, bei der beispielsweise für jedes bearbeitete Teil alle prozessrelevanten Angaben erfasst werden. Des Weiteren werden auch die Werkzeuge für die Bearbeitung gereinigt und qualifiziert. Vorteilhaft ist der Umstand, dass eine solche Anlage auf einer umfangreichen und trotzdem sehr flexiblen Plattform aufgebaut ist. Damit wurde beispielsweise in relativ kurzer Zeit ein System zur Bearbeitung von Kanülen durch elektrochemische Bearbeitung entwickelt. Hierfür ist das Unternehmen beispielsweise an der Einrichtung eines Netzwerks interessiert, um den Einsatz der neuen Bearbeitungstechnik in den Markt zu bringen.
Der Termin für die nächste Veranstaltung des Experttable Oberflächentechnik in der Medizintechnik wird über die Homepage von Medical Mountains bekannt gegeben.